Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK 1

Käpt’n Blaubärs

Spielzeugburg

Dirigierende Komponisten machen von den Werken ihrer Kollegen normalerweise nicht viel Aufhebens: Pierre Boulez, Hans Zender, George Benjamin, sie alle begegnen selbst den hitzigen Gefühlsüberschwängen der Hochromantik mit kühlem Kopf, bleiben auch dort matter of fact, wo sich Nur-Dirigenten vom Sog der Töne mitreißen lassen. Auch der Ungar Peter Eötvös , als Komponist von Werken wie der Tschechow-Oper „Drei Schwestern“ berühmt, will vor allem Klarheit: In Bergs „Drei Orchesterstücken“ dosiert er das schwelgerische Klangpotenzial der Berliner Philharmoniker , durchleuchtet den wuchernden Stimmsatz so, dass die zuunterst antreibenden Energien zutage treten. Überraschend dramatisch klingt dieser Berg, rückt nah an die beklemmende Unrast Bartóks heran. Dessen symbolistischer Operneinakter „Herzog Blaubarts Burg“ war eigentlich als Höhepunkt des Abends in der Philharmonie (noch einmal heute, 20 Uhr) geplant. Doch gerade hier bleibt Eötvös nonchalant: Die Tempi sind flüssig, doch die Geheimnisse, die sich hinter Blaubarts sieben Türen verbergen, sind nicht eben spektakulär. Das liegt freilich auch an den Solisten: Matthias Goerne ist eher ein netter Käpt’n Blaubär als ein Ehrfurcht gebietender Blaubart: Dem Liedbariton fehlt der schwarze Stimmkern, in dem sich die Reichtümer und Schmerzen einer großen Seele verbergen könnten. Fehlbesetzt auch Cornelia Kallisch – statt Blaubarts junger Frau singt hier Blaubarts Mutter mit hysterischen Phrasen und keifenden Spitzen. Das Mitleid hält sich in Grenzen. Zwischen Berg und Bartók seltsam verloren das 1996 uraufgeführte Klarinettenkonzert von Elliott Carter (Solist: Karl-Heinz Steffens). Ein Spätwerk, das in seiner Mischung aus handwerklichem Geschick und tendenziell redundanter Verspieltheit an die Bläserkonzerte des alten Richard Strauss erinnert. Ein Abend, um den man nicht viel Aufhebens machen muss.

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KLASSIK 2

Die Mahler-

Epidemie

Neben fiebrigen Grippewellen und stürmischen Hustenattacken muss sich das Berliner Konzertleben einer neuen Infektion stellen – der Mahleria. Ersten Beobachtungen zufolge befällt sie nur die großen Subventionsorchester der Stadt. Alles deutet darauf hin, dass die Ansteckung von den Chefdirigenten auf die Musiker überspringt. Die Mahleria äußert sich in der massiven Ansetzung von Mahler-Symphonien auf dem Spielplan. In ihrer akuten Form führt sie zur anscheinend willenlosen Aufführung der Werke Gustav Mahlers fern erkennbaren Gestaltungswillens. Sie geht einher mit appetitlosem Musizieren, eingeschränktem Gefühl für Dynamik und verlangsamtem Reaktionsvermögen.

Nachdem sich letzte Woche das DSO unter Kent Nagano deutlich Mahleria geschwächt durch die zweite Sinfonie geschleppt hat, konnte man beim Berliner Sinfonie-Orchester nun das Endstadium der Infektion beobachten. Eliahu Inbal , der in den Achtzigerjahren viel für ein Mahler-Verständnis jenseits sentimentaler Verflachung getan hat, steuerte sein Orchester im Konzerthaus mit kurzatmiger Zeichengebung durch die Neunte, Mahlers letzte vollendete Symphonie. Ein Werk von Rückblick und Abschied von der Welt, das vom stark mahleriabefallenen BSO mit krampfhafter Diesseitigkeit in den Raum gewuchtet wurde. Das abgründige Pendeln im ersten Satz blieb unerhört, die schmerzhafte Schönheit des Abgesangs wurde zugedeckt von peinigender Lautstärke und rein additiver Klangballung. Und was kann man in den folgenden Sätzen noch über Sinnverlust und Auflösung sagen, wenn man kein Gefühl geistiger Heimat vermitteln kann? Die Mahleria hat schlimme Folgen (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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