Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST 1

Die Fülle

in der Leere

Sobald Kriegsverluste deutscher Museen zur Sprache kommen, denkt man an die in russischen Geheimdepots schlummernde Beutekunst. Weniger eifrig wird über den Status quo diskutiert: Was bedeuten eigentlich die Fehlstellen für heutige Betrachter, die den Vorkriegszustand ohnehin nicht mehr kennen? Zerstört – entführt – verschollen heißt der Katalog, der alle seit dem Zweiten Weltkrieg vermissten Gemälde der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten auflistet (in Museumsshops der Stiftung 49,90 €): rund 3000 Positionen, ein Viertel des ehemaligen Besitzes. Das sind natürlich nicht alles erstrangige Meisterwerke, doch in den auf ästhetische Überwältigung hin angelegten Schlössern kann noch der kleinste Verlust den Gesamteindruck stören.

Christoph Martin Vogtherr, Gemälde-Kustos der Stiftung, erinnerte nun bei einer Sonderführung daran, dass das als West-Berliner Wahr- und Trotzzeichen wiederaufgebaute Schloss Charlottenburg oft nur so tut, als sei es unversehrt. Da gibt es über den Krieg gekommene Räume, denen seit 1942 das Inventar fehlt. Ganze Saalfluchten gingen mit ihrem Wand- und Deckenschmuck im Bombenhagel unter und wurden rekonstruiert. Manch bewegliches Kunstwerk, das aus den verlorenen Schlössern von Berlin und Potsdam stammt, zeigt man aufgrund seiner Qualität, obwohl der authentische Rahmen fehlt. Im konservatorischen Umgang mit Verlusten gibt es keine letztgültige Lösung, sondern nur das Abwägen von Vor- und Nachteilen.

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KUNST 2

Das Helle

im Dunkel

Es ist dunkel im Projektraum des Deutschen Künstlerbundes . Dann beginnt es zu brummen, und die elektrische Spannung lässt die Glühbirnen der Metallkugel auf dem Boden leuchten. Ein Feuerball, der kurz darauf erlischt, um erneut aufzuflackern. Corona Borealis, Baumkrone, nannte der Künstler Otto Piene seine Lichtskulptur, die 1965 Bestandteil seines „Lightballetts“ war, der ersten vollprogrammierten Lichtschau. Die legendäre Glühbirnenkugel ist jetzt im Rahmen der Ausstellung Otto Piene – Lightrain (Rosenthaler Straße 11, bis 9. April) zu sehen. Sie gehört zum Rahmenprogramm der transmediale 0.5 , die sich mit den „Basics“, den Grundlagen und Vordenkern digitaler Medienkunst beschäftigte. Otto Piene setzte lange Jahre als Direktor des Centers for Advanced Visual Studies Massachusetts in der Kunst- und Medientechnologie Maßstäbe. Mit den Elementen Feuer, Licht und Luft arbeitet der 1928 in Westfalen geborene Künstler bereits seit Ende der Fünfzigerjahre.

Als Gründungsmitglied der Gruppe Zero, einer Gegenbewegung zu den düsteren Tachisten der Nachkriegszeit, überzieht Piene den Himmel mit Lichtbögen, lässt riesige Ballongebilde aufsteigen. Für seine jetzige Ausstellung „Lightrain“ hat er dem Klassiker von 1965 zwei neuere Lichtskulpturen an die Seite gestellt: eine rote und eine dunkelblaue perforierte Kunststoffkugel. In ihrem Inneren drehen sich Halogenlampen. So tanzen Lichtpunkte durch den Raum, ziehen über die Wände, den Boden, den Körper des Betrachters, über die Decke – und beginnen zu fliegen. Vanessa Loewel

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POP

Der Lärm

in der Stille

Ein ruheloser Dschungelbeat, programmierte Handclaps, fiebrige Acid-Keyboards, verzerrte E-Gitarren, krachende Drums, treibender Mega-Bass und ein ekstatischer Sänger, der bei jedem Drumschlag zusammenzuckt. LCD Soundsystem nennt sich das Solo-Projekt des 35-jährigen James Murp hy aus New York, mit dem er seine Punkrockvergangenheit gewinnbringend auf den Dancefloor rettet, nachdem er bereits als eine Hälfte des DFA-Labels das Disco-Punk-Movement losgetreten hat. Nach einigen erfolgreichen Maxis hat er nun auch sein Debüt-Album vorgelegt – ein schmutziges Dance-Rock-Party-Manifest, an dem momentan keiner vorbeikommt, der von sich behauptet am Puls der Zeit zu sein.

Beim Auftritt im rappelvollen Magnet kommen die Songs noch intensiver, härter und rockiger. „Kool & the Gang of Four“ wäre ein passender Name für Murphy und seine Mitstreiter an Keyboards, Gitarre, Bass und Schlagzeug, deren Disco-Trash an eine Wurzelbehandlung der New-Wave vom Anfang der Achtziger erinnert, als man nach dem Funk im Punk suchte. Da meint man tatsächlich Mark E. Smith von The Fall zu hören, der sich mit Sister Sledge in einer House-Disco getroffen hat, um nochmals „Lost in Music“ einzuspielen – eine Suicide-Orgel, die sich mit David Byrne und den Talking Heads zum beglückenden Dauercrescendo trifft („On Repeat“) – James Chance („Give it up“), Joy Division („Tribulations“) und weitere ehrlich geklaute Lieblingsmusik. „I Hate Music“ hat sich Murphy auf sein Adidas-T-Shirt drucken lassen, das bereits nach dem ersten Song durchgeschwitzt ist, während sich eine seltsam friedvolle Raserei des Publikums bemächtigt: Tanze (damit du nicht heulen musst).

Zu keinem anderen Zweck schlägt Murphy die Kuhglocke, die längst zum Markenzeichen seiner Produktionen geworden ist und so gut funktioniert in den Tempeln der Vergnügungssucht. Uuuh! Oooh! Was für eine Nacht! Schwitzen! Schwitzen! Schwitzen! Und dann die Getränke. Volker Lüke

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