Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Wie Eidgenossen

klingen

Ein Konzert mit den Schweizern der Berliner Philharmoniker ? Bald werden wir wohl noch die Vegetarier, Hundehalter und Brillenträger des Orchesters in eigenen Formationen erleben! Wenn’s nützt... Aber es nützt ja! Der Kammermusik zum Beispiel: Zum einen haben sich in solchen Besetzungen unterschiedlichste Persönlichkeiten ad hoc auf einen Ensemblegeist zu verständigen. Die Geige von Christophe Horak etwa muss sich mit dem feinen, schweizerschokoladensüßen Ton des Solo-Flötisten Emmanuel Pahud mischen und messen – unter anderem in Rossinis „Sonata à quattro No. 2“. Feinste, nervöse Schweißperlchen stäuben, wenn die Figurationen von der Flöte zur Violine wanderten – gerade so viel, die Freude am Gelingen noch zu steigern. Zweiter Vorteil solcher Experimente: Sie führen zu raren Besetzungen, was selten gespielten Meisterwerken eine Chance gibt. Im Kammermusiksaal fiel die Wahl auf George Enescus C-Dur-Streichoktett von 1900 – ein dichtes Stück, das gerne gleich noch einmal gehört hätte, um es in all seinen Motivbeziehungen zu verstehen. Die Eidgenossen untertrieben etwas das „dor“, jenes diffuse Sehnen rumänischer Melodik, von dem das inspirierte Programmheft sprach. Ihr Interesse galt mehr der Vision einer gewaltigen Hängebrücke, die dem Komponisten vorschwebte. Das Werk begeisterte als Dokument der Moderne, in dem sich Eleganz, Ingenieursgeist und ein letztes Staunen über das menschliche Können vereinen.

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TANZ

Wie Männer

Frauen sehen

Bilder von Krieg und Folter waren Thema von Yasmeen Godders gefeiertem Tanzstück „Strawberry Cream and Gunpowder“. Beim Tanzfestival Context #2 war nun im HAU 2 eine weitere Produktion der israelischen Choreographin zu sehen. Auch „ Two Playful Pink “ haut dem Publikum förmlich ins Auge: Godders Bilderkritik zielt diesmal auf eine exhibitionistische Gesellschaft, die den weiblichen Körper zu ihrem Fetisch erhoben hat. Godder und ihrer Partnerin Iris Erez gelingt das Kunststück, den Blick des Betrachters anzuziehen und zugleich abzustoßen. Die Bildwerdung der Frau, ihre Verwandlung zum schönen Objekt, wird grell beleuchtet und unterlaufen. Verrückungen der Körperordnung, drastische Entstellungen: ein vorgeschobenes Becken, eine eingeschnürte Taille, ein Klaps auf den Po – was Godder sichtbar macht, ist das Zurichten und Manipulieren der Körper. Für die soziale Deformation der Frau findet sie drastische Bilder. Das ist oft von bös-aggressiver Komik, lässt aber immer wieder aufschrecken. Etwa wenn Godder den pornografischen Blick inszeniert. Da schnallen die Frauen sich Plastikbrüste um, formen die Münder zu zuckenden Körperöffnungen. Das wirkt obszön und auch brutal, weil sich vor unseren Augen die Verwandlung der Frau zum Porno-Fantasma vollzieht. Schonungslos werden die Bilder von Weiblichkeit durchmessen. Das ist von solcher Wut und Wucht, wie man es lange nicht gesehen hat. Sandra Luzina

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