Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Schneegestöber in der Nacht,

Rauferei auf Video

Manche Künstler scheinen Angst vor dem Raum zu haben. Nur mit horror vacui sind vollgestopfte Ausstellungen zu erklären, in denen für den Betrachter kaum Platz zum Denken bleibt. Takehito Koganezawa lässt dagegen Luft. In der Berlinischen Galerie bespielt der 30-jährige, in Berlin lebende Japaner einen Saal mit gerade einmal drei Video-Arbeiten (Alte Jakobstraße 124-128, bis 24.4.). Seine stumm ablaufenden Videos schaffen im Halbdunkel eine beinahe plastische Stille. Andererseits besitzt sein großformatig projiziertes Video-Triptychon eine eigenartige Musikalität: optischer Free-Jazz im Museum. Als Ausgangsmaterial dienen verschiedenfarbige Linienzeichnungen mit Ölkreide. Der Künstler hat sie eingescannt und die entstandenen „Trickfilme“ miteinander im Computer verschmolzen. Die schmalen Spuren auf schneeweißen Bildflächen tanzen nun als farbige Linienpaare miteinander. Sanft schwingen sie nebeneinander her oder überkreuzen sich, ohne sich zu berühren.

Eher elektrisierend wirkt dagegen ein Schneegestöber aus dem Videobeamer, das Koganezawa vor nachtschwarzem Hintergrund aufgenommen und mit neonfarbenen Bildstörungen verfremdet hat. Eigenartig kontemplativ mutet dafür eine auf zwei Monitoren präsentierte Prügelei an. Koganezawa hat sie inszeniert. Wie in einem Erzählfilm löst er die Situation in Totale, Halbnah- und Detaileinstellung auf. Mitten in der Rauferei halten die jungen Darsteller inne und nehmen Kontakt zum Betrachter auf. Wieder geht es um Berührung: die inszenierte auf den Bildschirmen, die virtuelle zwischen Kunstwerk und Betrachter. (Ab 6.3. bis 9.4. zeigt die Galerie Wohnmaschine, Tucholskystr.35, Zeichnungen des Künstlers.)

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ARCHITEKTUR

Ein Haus für Schokolade,

Kasernen als Campus

Der Deutsche Städtebaupreis gilt als Institution. 1980 erstmals von der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) ausgelobt, sollte er „einen kontinuierlichen Beitrag zur Erneuerung der Stadtkultur und Stadtbaukultur leisten“. Zu den ausgezeichneten Projekten gehörte die Sanierung des Areals der ehemaligen Kölner Schokoladenfabrik Stollwerck (1982) ebenso wie die Gartenstadt Falkenhöh (1996). Das Beispielgebende der ausgezeichneten Arbeiten wird gerade an den Projekten der letzten Jahre deutlich. Darunter befanden sich die Konversion eines Kasernenareals zum Campus der FH Brandenburg (2000) und ein Projekt des Stadtumbaus Ost: die „ZukunftsWerkStadt“ Leinefelde (2003). Doch nun zieht die „Skandinaviska Enskilda Banken“ (SEB), die 2000 die BfG Bank übernommen hat, einen Schlussstrich. Statt Preise zu verleihen will man künftig „Verantwortung für individuelle, humane Aspekte übernehmen“. Der 24. Deutsche Städtebaupreis, mit dem 2004 das Architekturbüro Bolles und Wilson für die Umnutzung der ehemaligen Fahrzeugwerkstätten in Hamburg-Falkenried ausgezeichnet wurde, könnte der Letzte gewesen sein. Es sei denn, für die erfolgreiche Marke „Deutscher Städtebaupreis“ findet sich ein neuer Träger. Jürgen Tietz

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LYRIK (1)

Kiebitze in Chemnitz,

Bussarde in Berlin

Gedichte sind immer ein Angebot, nie eine Verpflichtung. Höchstens, dass der Dichter Hinweise gibt. Doch grundsätzlich gilt: „nichts muss/alles kann“. Das allerdings ist auch wieder nur ein Hinweis. Er entstammt Ulf Stolterfohts Gedichtband „fachsprachen XIX – XXVII“ , (Urs Engeler Editor, Weil am Rhein 2004, 126 S., 19 €) dem dritten und letzten Teil einer Trilogie. Offenheit und Vielbezüglichkeit sind bei dem in Berlin lebenden Stolterfoht Programm, denn: „immer stärkere lesergehirne bedrohen die wirkmacht der dichtung“. Darum gilt es, den Lesergehirnen, genügend Futter zu geben. Ein Goethe-Gedicht lässt sich leicht auswendig lernen, aber versuche mal einer, einen Stolterfoht zu memorieren! Dabei ist jeder Fachsprachen-Text bis zum Bersten mit Reimen, Schüttelreimen und Assonanzen gefüllt. Mal „kichert ein kiebitz in chemnitz“, mal sitzt „ein bussard zuviel auf dem draht. art über-/hangmandat“. Stolterfohts Dichtung bildet ein einzigartiges Versuchslabor, wie lyrisches Sprechen heute aussehen und sich anhören kann. Stolterfoht tanzt nicht um das einzelne Wort, er beschwört nicht die magische Energie des Zeichens. Für ihn ist die kleinste sprachliche Einheit der Satz: „weil: man welt im satz nur/probeweis zusammenstellt“. Spätestens hier wird der Einfluss von Wittgenstein, Gottlob Frege, Max Bense und anderen Denkern deutlich. Aber auch diese Paten bleiben von des Dichters Lust an der Verballhornung nicht verschont: „finales kurbeln/ dann drehen: nie wird man/diese zeilen zur gänze verstehen“. Tobias Lehmkuhl

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LYRIK (2)

Träume in der Scheune,

ein Groschen im Schnee

Wie schön, wenn ein junger Dichter seiner Mittel sicher ist, um ohne Eifersucht auf Vorbilder hinweisen zu können. Der Berliner Jan Wagner , Jahrgang 1971, vergibt sich nichts, wenn er dem deutschen Leser den Amerikaner James Tate, Jahrgang 1943, übersetzend nahe bringt. Tate ist kein Celan, sondern plaudert, wie es scheint, versonnen vor sich hin. Dieser Eindruck aber täuscht. Der leichte Tonfall in „Der falsche Weg nach Hause“ (Berlin Verlag, Berlin 2004. 140 S., 18 €), das sind nur die Sätze, das Wie: eine lockere Fügung. Was sie erzählen, ist aufregend. Ob die Schaluppen in der Bucht ihre „kleine Flaschensprache“ sprechen und schließlich „wie ein Garten voller Geheimnisse“ flüstern, oder ob ein „drastischer Aufbruch“ beschrieben wird („stört es Sie, wenn Ihre Frau mitkommt?“) – immer sind es Erzählungen von Vorgängen, die in sich stimmig und zugleich verrückt sind und mit heiterster Lust die Wirklichkeit durchscheinend machen.

Tates Gedichte scheuen nicht die Überraschung: „Morgen wird die Zukunft dasein,/ ihr großes mattes Auge öffnen./Sie wird die Scheune ausmisten,/eine weiße Boa um den Hals,/während der Flugsaurier träumt.“ So beginnt ein Gedicht, das sich den Titel von der Schlusszeile borgt: „ein im Schnee gefundener Groschen“. Im Nachwort untersucht Wagner Tates Vorgehensweise: vom Surrealismus, der kühnen Bilderfindung, auszugehen, doch diesen amerikanisch zu naturalisieren, mit Slang zu idiomatisieren und auf Alltagsgesten zu achten. Anrührend der Vers, mit dem er ein Porträt seiner Mutter am Vatertag abschließt: „Ich hätte dir Zucker geliehen, Mutter.“ Alexander von Bormann

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