Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK (1)

Tanz um

das begabte Kind

Die einen sind fasziniert von dem Mädchen, das mit den Wölfen lebt, für die anderen ist sie nur eine mittelmäßige Pianistin: An Hélène Grimaud scheiden sich die Geister der Klassik-Welt wie sonst nur noch an Geigenpunk Nigel Kennedy. Eines schafft sie allerdings mit links: Bis auf den letzten Platz ist die Philharmonie bei ihrem Soloabend gefüllt, der scheue Charme der mädchenhaften Frau bestrickt alle Generationen. Sie spielt, natürlich, das Programm ihrer neuen CD: Chopin und Rachmaninow, Musik für Tastenlöwen, die aus der Fülle ihrer virtuosen Möglichkeiten schöpfen. Das kann Grimaud nicht: Für die raffiniert gebändigte, narzisstische Klangsinnlichkeit der zweiten Rachmaninow-Sonate fehlt es ihr schlicht an Kraft. Farben kann sie dieser Musik nur momentweise in ihren lyrischen Ruhezonen entlocken. Doch sobald extrovertierte Selbstbehauptung gefordert ist, verholzt Grimauds Ton, scheppert, statt zu schillern. Auch mit Chopins b-moll-Sonate muss sie kämpfen, bekommt in den ersten beiden Sätzen kaum mehr als ein Flachrelief zustande.

Hier zeigt sich die zweite große Schwäche Grimauds: Die Kunst, einen großen melodischen Bogen aus einzelnen Noten zu formen, beherrscht sie kaum ansatzweise. Schon die Variationen in Chopins „Berceuse“ (in denen es um nichts anderes geht als die Zurschaustellung ebendieser Legato-Kultur) krümeln ihr weg, im Mittelteil des Trauermarschs reiht sie die Noten wie Holzperlen auf einem Rechenschieber – zum Schweben bringt sie die Musik nicht. Schmerzlich vermisst man die klaräugige Sicht auf die romantischen Formverläufe, die auf Grimauds frühen, unlängst wiederveröffentlichten CDs beeindruckt, vergeblich sucht man auch irgendein künstlerisches Herzensanliegen, das technische Mängel zweitrangig werden ließe. Die Frage ist nicht, was Grimaud sagen will, sondern was sie in diesem Repertoire überhaupt sagen kann. Doch vielleicht sind es gerade diese Unvollkommenheiten, die viele an Grimaud faszinieren: Der Mut, einfach das Unerreichbare zu versuchen im Wissen, dass die eigenen Schwächen dabei für jedermann offenbar werden. Das ist auch eine Qualität.

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HAPPENING

Tanz um

den fettigen Hamburger

„Erst gehen die Wortmacher rein, dann die Tonmacher.“ Letzte Absprachen, bevor der Wagen vor dem Feinkostgeschäft Rogacki hält. Ein Überfall will geplant sein. Der Künstler, Schriftsteller und Soziologe Urs Jaeggi und seine Komplizen mischen sich unter hungrige Wilmersdorfer. „Drumming“ ruft Schauspielerin Bärbel Schwarz an den Stehtischen. An der Fleischtheke lässt Saxophonist Wolfgang Fuchs sein Sopranino quaken. Der Percussionist Roger Turner zimbelt mit Riesenstricknadeln und einem Spaghettigreifer an den Ohren der Gäste, die konsterniert ihre Kragen hochschlagen und sich in konzentrierter Ignoranz üben.

„Assaut“ (Überfall) nennt Urs Jaeggi sein Performanceprojekt, das in Zusammenarbeit mit der Universität der Künste entstand. Unangemeldet tritt er mit einer Schauspielerin und zwei Musikern an diesem Donnerstag an 13 Orten in Berlin auf. Wie reagieren Menschen außerhalb des musealen Rahmens, an kunstfremden Stätten wie einer Kinderboutique am Hermannplatz, auf Wort- und Klangimprovisationen?

„Einmal im Leben Tannhäuser!“, ruft Jaeggi zwischen Ständern mit rosa Rüschenkleidchen. „Das verstehe ich nicht“, flüstert die Verkäuferin ehrfurchtsvoll, um nicht zu stören. Die Kunst, eine Autorität? Nicht für den Arbeitslosen auf dem Amt Neukölln: Er stürmt auf Roger Turner zu, der auf einem Plastikrohr trötet: „Das ist zu laut! Ich will mich hier informieren, Idiot!“ Unvermittelt bricht die Kunst in die Lebensräume der Menschen ein, spricht zu ihnen in einer Sprache, die sie oft nicht verstehen. Das verärgert, amüsiert, verunsichert und fasziniert. Neuköllner McDonalds-Besucher starren auf die Schauspielerin, die sich auf dem Boden wälzt und „Man kann ein Geräusch hören!“ schreit. Die Polizei wird geholt. Nun muss sich Urs Jaeggi doch erklären – ob er verstanden wird? Vanessa Loewel

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KLASSIK (2)

Tanz um

das goldene Kalb

Merkwürdig. Zweimal hatte es die Musik im Konzerthaus schon zur Erlösung hingedrängt. Und zweimal wurde ihr Erlösung im reinen harmonischen Dreiklang auch formell gewährt: In den Bläserklängen von Wagners Parsifal-Vorspiel ebenso wie in den „Friede!“-Rufen von Arnold Schönbergs frühem Chorwerk Opus 13. Befreiend wirkte nichts von alledem. Ganz im Gegensatz zu den gezackten Zwölftonblitzen, dem orchestralen Klangfarbengewitter, mit dem das dritte Stück, unverkennbar echter später Schönberg, den Dunst fortblies! Die Freude währte nur kurz. Das Werk hieß „Ein Überlebender von Warschau“. Was immer sich Michael Gielen sowie Rundfunkchor- und Sinfonieorchester Berlin mit diesem Programm vorgenommen haben mochten – es funktionierte nicht.

Zwar kann man durchaus produktiv an der poetischen Idee eines Stückes vorbeidirigieren oder sie zumindest nicht forcieren, wie es Gielen beim provozierend langsam und genau gelesenen Parsifal-Vorspiel tat. Doch was tun mit dem halb galligen, halb naiven Text von Schönbergs frühem Eifersuchts- und (Selbst)Mitleidsdrama „Die glückliche Hand“? Wie nach der Beschwörung des Holocaust die kopulierenden Nackedeis in der spießigen Orgie ums Goldene Kalb aus „Moses und Aron“ interpretieren? Statt Stellung zu beziehen, blieben Chor und Solisten seltsam blass. Klanglich durchaus präsent, war dem Chor oft nicht nur emotional, sondern auch sprachlich schwer zu folgen. Carsten Niemann

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