Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Lichtdurchflutet,

erdverdreckt

Ausstellungen mit zeitgenössischer Skulptur sind im Georg-Kolbe-Museum Tradition. Bisher waren allerdings nur deutsche Künstler geladen. Das soll sich nun ändern: Mit den Fluctuacións des 1957 auf Mallorca geborenen Bildhauers Amador wird die Perspektive auf neue Skulptur erstmals gesamteuropäisch (Sensburger Allee 25, bis 20.3., Katalog 20 Euro). Mit den „klassischen“, in der Spätphase monumental überhöhten Menschenfiguren von Georg Kolbe (1877–1947) haben Amadors Schöpfungen allerdings nicht viel gemein. Die naturalistische Zeichnung eines Kolbe, die individualisierenden Details – all das sucht man in seinen verknappten Menschenfiguren vergeblich. Ganz zu schweigen vom Verzicht auf Bronze und Stein. Amador bevorzugt transparenten Polyesterharz, den er mal orange, mal violett einfärbt. Im Gegenlicht entfaltet das einen besonderen Reiz: Menschen wie aus Kirchenfenstern geschmolzen. Die schrundige, vibrierende Oberfläche verleiht ihnen dabei etwas Geisterhaftes. In verschiedenen Kleinplastik-Gruppen drängt Amador Dutzende Menschenfiguren zusammen. Nur als Menschentraube, aus mehreren „Klonen“ von jeweils einer Gussform zusammengeklebt, können diese Wesen aufrecht stehen.

Das verwundert nicht, denn ursprünglich haben sie im Erdreich gelegen. Amador hebt dafür zunächst menschenförmige Bodenmulden aus und gießt dann den Kunstharz hinein. In der Ausstellung wird dieser Arbeitsprozess durch eine Gruppe liegender „Mumien“ augenfällig, in denen sich das künstliche mit dem natürlichen Material verbindet, mit Erde, Schotter und Wurzelgestrüpp. Eigenartige Mischwesen aus Polyester und Dreck entstehen dabei. Schwer zu sagen, ob es hier um körperlichen Verfall oder himmlische Transzendenz geht. Amador jedenfalls spielt meisterlich mit den Extremen.

KLASSIK

Klangerfüllt,

geistbeflügelt

Sechs Pulte für zwei Bratschisten: Allein die Optik der aufgereihten Notenblätter, die von den Spielern während der Aufführung abgeschritten werden, macht aus „Viola, Viola“ von dem Londoner Komponisten George Benjamin eine Art Performance. Die Wirkung ist intendiert, denn das Stück wurde auf Anregung von Toru Takemitsu zur Eröffnung eines Konzertsaals in Tokio komponiert. Die ausgesparte Besetzung mit zwei Instrumenten aus dem mittleren Bereich der Streicher und die Nähe und Ferne ihrer tönend bewegten Differenzierungen spielen listig mit dem (Klang-)Raum. Das Kunststück wurde zu einer Huldigung an den Saal und kann hier nun auch der Berliner Phil harmonie gelten, wo Igor Budinstein und Annemarie Moorcroft, Solobratschisten des Deutschen Symphonie-Orchesters, für ihre Darstellung sehr gefeiert werden. Bemerkenswert schwingt historisch gewachsene Instrumentalcharakteristik in den Stimmen. Schade, dass Bach keine Suiten für Viola solo geschrieben hat!

Nach der jüngsten Erfahrung mit einer überhitzten „Salome“ in Dresden ist es bezwingend, Kent Nagano wieder vor seinem Berliner Orchester zu sehen. Es herrscht eine lebendige Harmonie, zumal in der h-Moll-Symphonie von Schubert. Bewusst und beredt gestaltet der Dirigent jede Betonung in der Melodieführung der Streicher, gleich zu Beginn der Celli und Bässe. Ebenso in der Romanze und dem flexibel musizierten Trio der Vierten Schumanns. Die Ecksätze indes könnten noch etwas Politur vertragen.

Maurizio Pollini spielt Mozart, das Klavierkonzert C-Dur KV 467. Das wird zum Höhepunkt des Abends, weil der Intellekt dem Gesang, den das Instrument trägt, Flügel verleiht. Im Dialog mit den Musikern ist es der Solist, der die Bedeutung des Orchesterparts unterstreicht. Die himmlische Klarheit seiner Interpretation kommt aus dem Verständnis für die ganze Partitur. Sybill Mahlke

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