Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

POP

Glückswolken

und Gitarrendonner

Der Rock’n’Roll ist genauso kaputt wie das Land. Alles klingt gleich. Überall wird lamentiert. Dabei sind wir immer noch priviligiert. Irgendwann wird das böse enden. So sehen es die drei jungen Männer der Band ...And you will know us by the Trail of Dead auf ihrem neuen Album „Worlds apart“ (Interscope/Universal). Es ist, weit mehr noch als ihr letztes Werk „Sources Tags & Codes „ein zorniges Bombast-Rock-Meisterwerk, vollgepackt mit Mini-Sinfonien. Beim Konzert im Berliner Postbahnhof verzichten die Texaner auf Streicher, Klaviere und Chöre. Dafür haben sie zwei Drummer dabei, die die meiste Zeit synchron spielen. Und sie rocken! Schon beim ersten Song „Will you smile again“ ist mehr Energie im Raum als in einem Reaktor. Die Reihen beginnen zu wogen, ständig springen Fans von der Bühne und lassen sich herumreichen. Großer Sport auf beiden Seiten. Die Band rast schwitzend in eine Lärmschleife, findet wieder heraus und fällt in eine strahlende Melodie.

Trotz großer Lautstärke und Bassdrum-Gewittern entsteht nie eine stumpf-aggressive Atmosphäre. Das liegt an der Gitarren-Stapeltechnik von Trail of Dead: Sie türmen die Riffs behutsam auf und zielen nie auf die orgasmische Erlösung im Refrain. Irgendwann zieht Sänger und Gitarrist Conrad Keely seinen Pulli aus. Er öffnet die Augen und wird noch intensiver. Später setzt er sich hinter das linke Schlagzeug und lässt Gitarrist Jason Reece ans Mikro, der seinen etwas schwächeren Gesang mit doppeltem Enthusiasmus vergessen macht. Das Publikum ist ohnehin in einer Glückswolke. Beim letzten Song klettert ein Haufen junger Leute auf die Bühne und tanzt die Musiker an den Rand. Danach ist klar: ...And you will know us by the Trail of Dead sind zurzeit die größte Rockband des Planeten.

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NEUE MUSIK

Klatschattacken

und Chorgesänge

Kein Zweifel: Die MaerzMusik hat begonnen! Auch im Blindtest hätte der erfahrene Konzertgänger nicht gezweifelt, wo er hingeraten ist, denn Matthias Osterwold, der künstlerische Leiter der MaerzMusik, bleibt seinem Konzept treu. Und das heißt vor allem: Reize aller Art überschwemmen das Haus der Festspiele . Schon vor dem eigentlichen Konzert gibt es eine Videoinstallation und experimentellen Chorgesang. Im Saal erwarten den Besucher dann Lautsprecherklänge und Videoanimationen. Und der Saal ist berstend voll mit jungen Leuten, die diese Mischung aus Konzert und Clubatmosphäre wollen. Sie haben einen untrüglichen Instinkt für die letzte Note jedes Stückes und klatschen sie zwanghaft nieder.

György Ligetis „Kammerkonzert für 13 Instrumente“ zerfällt so in vier auseinandergeklatschte Sätze, rührend zu sehen, wie Martyn Brabbins, der Dirigent der London Sinfonietta, hier zum Märtyrer wird: Der Unterbrechungen müde, dirigiert er nach dem dritten Satz einfach ins Leere weiter, um die Klatscher am Loslegen zu hindern. Aber einen Moment braucht er doch, um den Auftakt für den vierten Satz zu setzen.

Und der wird ihm zum Verhängnis. Resigniert lässt er in den sich anbahnenden Applaus spielen. Schade eigentlich, denn das Konzert bietet einige schöne Stücke, die man gerne in konzentrierter Atmosphäre gehört hätte. Mag sein, dass dieser Abend mit Klassikern wie Charles Ives, John Cage oder György Ligeti inclusive Remixes und Videoanimationen nicht für die Zukunft der Musik steht, über die Zukunft des Publikums sagt er einiges. Ulrich Pollmann

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ARCHITEKTUR

Lichtspenden

und Sternenblicke

Alte Häuser haben ihren besonderen Reiz. Von kostengünstig über heimelig bis geschichtsträchtig reicht die Palette der Gründe, warum sich Bauherren statt für ein neues Haus für einen Altbau entscheiden. Doch meist müssen die alten Häuser erst einer Frischzellenkur unterzogen werden, um sie den Vorstellungen ihrer neuen Bewohner anzupassen. In der Ausstellungsreihe 10 unter 1000 Euro pro Quadratmeter stellt die BDA Galerie (Mommsenstraße 64, bis 14. April) eine Reihe vergleichsweise kostengünstiger Umbauten für Wohnzwecke vor. So haben die Architekten Kaup und Wiegand in Zehlendorf mit gezielten Eingriffen Licht in ein Haus aus den Zwanzigerjahren gebracht und zugleich die Verbindung zum Garten neu inszeniert. Das steinerne Kavaliershaus eines Rittergutes im Weserbergland wurde durch Imke Woelk saniert und um einen gläsernen Anbau ergänzt. Doch auch innerstädtisch lässt sich gut umbauen. Das unterstreicht die Umnutzung eines denkmalgeschützten Bewag-Gebäudes in der Brüsseler Straße durch Petra und Paul Kahlfeldt, in dem sich nun Wohnungen befinden, ebenso wie der „Sterngucker“ genannte Dachgeschossausbau, den Gruber und Popp am Treptower Park verwirklicht haben. Und selbst ein altes Nurdach-Ferienhaus an der Ostsee lässt sich in ein architektonisches Kabinettstück mit beeindruckender formaler Reduzierung transformieren (Architekten Knebel und von Wedemeyer). Jürgen Tietz

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