Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Oberländer

KABARETT

Summen

im Dunkeln

Die gängigen Arzneien gegen sexuellen Frust sind bekannt: Pornos, Shopping, Schokolade. Professionelle Hilfe bietet Jan Marc Kochmann mit seinem Programm A nleitung zur sexuellen Unzufriedenheit (bis 30. Juni, Di im Umspannwerk Ost, Do in der Kleinen Nachtrevue, www.seminarkabarett.net). Ausgestattet mit Stift, Tafel und Kopfmikro, tarnt Kochmann eine hundertprozentig wissenschaftliche „Kurzzeit-Gruppentherapie“ als hundertprozentig witzige Kabarettshow. „Seminarkabarett“ nennt er das. Fern von fadem Hosenstallhumor erzählt er von den kleinen Unterschieden und Problemen wie Migräneattacken und „eingebildeter Kleinschwänzigkeit“.

Kochmann lässt das Publikum mit diskretem Summen im dunklen Parkett reagieren, was haarsträubende Erkenntnisse über das andere und, schlimmer noch, das eigene Geschlecht bringt. Nach einer Pause trennt man sich in einen Männer- und einen Frauenblock, Kochmann präsentiert sexualproblematische Standardsituationen und die passenden Lösungsvorschläge. Zum Beispiel, dass eine Verhandlungsmoral her muss, um eine Beziehung „langfristig sexuell bindungsfähig“ zu machen. Zwei Quickies gegen einmal Vollprogramm mit Wein und Rosen, Blowjob gegen Küchendienst. Der Saal brummt wie eine Autobahn. Die Kabarett-Therapie, in Österreich bereits verfilmt, wird man nicht so schnell vergessen, vor allem, wenn man sie als Pärchen erlebt. Wie man aber den eigenen Liebsten am besten berührt, oder die eigene Liebste durch Stimulation ihres „Audiogenital-Trakts“ zum „Ohrgasmus“ bringt, muss man selbst herausfinden.

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THEATER (1)

Man will ja

nicht meckern

Der Deutsche jammert gerne. Sei es über das Wetter, die Konjunkturkrise oder die Ungerechtigkeit der Welt. Dafür gibt es Stammtische. Die deutsch-südafrikanische Regisseurin Yvette Coetzee jammert nach eigenen Angaben ungern, amüsiert sich aber über das Gejammer anderer. Folglich hat sie das Jammern aus der Kneipe auf die Bühne gehoben und zeigt den 1. Berliner Jammerwettbewerb im Theaterdiscounter (Monbijoustr. 1). Ein Wettbewerb, ausgetragen in einer fiktiven Fernseh-Show, präsentiert als Theaterstück. Als Teilnehmer führt sie ins Rennen: eine taffe Business-Frau, einen Gasag-Beamten und Kevin, ein Weddinger Ghetto-Kid. Die drei tiradieren gegen Pisa-Studie, Globalisierung und Frauenquote. Schon die Themenwahl lässt ahnen: Hier gibt es ein fundamentales Missverständnis, hier wird gemeckert und geschimpft – aber nicht gejammert. Keine persönlichen Probleme, keine Schuldzuweisungen. Das teilweise improvisierte Gefloskel bleibt bezugslos zu den schablonenhaften Figuren. Wirkliches Gejammer ist nur auf dem Monitor im Bühnenhintergrund zu lesen. Irgendwann steht da ein Satz von Grönemeyer: „Lache, wenn es zum Jammern nicht reicht.“ Manchmal ist es umgekehrt (wieder am 11. und 12. März, 22 Uhr). Richard Kropf

THEATER (2)

Glaube, Liebe, Haftpflichtversicherung

Private Altersvorsorge kann heute nicht früh genug betrieben werden. Bloß bleibt eine gewisse Vorsicht bei der Wahl der Mittel geboten, wie ein authentischer Fall belegt: Der gerade 23-jährige Versicherungsbetrüger Andreas Plack ließ sich von seinem Cousin mit einer Motorsäge absichtlich am Bein verletzen, um fortan sorgenfrei von der Invalidenrente leben zu können. Leider schlug der innovative Finanzplan fehl, er verblutete. Die Regisseurin Christiane Pohle, Pendlerin zwischen Renommee-Theatern und freier Szene, nimmt dieses deutsche Kettensägenmassaker in den Sophiensälen (Sophienstr. 18) zum Ausgangspunkt ihres körperbetonten Utopien-Abends Betrachte meine Seel’ (wieder 8.–13. März). Mit acht Schauspielern, die sehr akkurat singen und teilweise auch musizieren können, stimmt sie frei nach Bachs „Johannespassion“ ein Klagelied auf den Werteverlust der westlichen Welt an. Im kargen Bühnenwarteraum von Maria Alice Bahra lässt sie ihre Visionensucher Textfragmente aus Dea Lohers „Magazin des Glücks“, Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ und den Pamphleten des Briefbombers Theodore Kaszynski aufsagen, dazwischen wird über Transplantationsmedizin und das Wesen des Überraschungs-Eis philosophiert. Pohle strebt nach Marthalerscher Melancholie, nach sehnsüchtigem Stillstandstheater, doch das Geräkel ihres Chor-Ensembles auf Boden und Bänken steht aus einem anderen Grund still: Kraftlosigkeit. Patrick Wildermann

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ARCHITEKTUR

Die Spuren

der Steine

Der „Kunst am Bau“ haftet gelegentlich der Ruch einer lediglich dekorativen Zutat zur Architektur an, die ebenso unverfänglich wie auswechselbar ist. Die neue Ausstellungsreihe in der Architekturgalerie Berlin (Ackerstr. 19, bis 9. April ) widmet sich stattdessen Projekten, die für eine direkte Bezugnahme zwischen Kunst und Architektur stehen. Unter dem Titel Raum im Raum haben der Architekt Max Dudler und der Künstler Günther Förg die Auftaktinstallation der Reihe gestaltet. Sowohl in seiner Malerei als auch in der Fotografie hat sich Förg immer wieder mit architektonischen Themen auseinandergesetzt. Mit Dudler, dem Berlin-Schweizer Rationalisten, hat er beim Erweiterungsbau des Bundesbauministeriums am Invalidenpark zusammengearbeitet. Dort hat er die in das Erdgeschoss eingestellten Kuben der Veranstaltungssäle mit patiniertem Messingblech verkleidet und dadurch eine minimalistische Antwort auf die steinerne Strenge der Architektur formuliert.

In der Ausstellung werden die nahezu raumfüllenden Fotografien der Konferenzräume, die Stefan Müller geschaffen hat, um aktuelle Bilder Förgs ergänzt. Neben mehreren kleinformatigen Arbeiten hängt ein großformatiges Bild: seine schwarze Fläche wird durch farbige Striche strukturiert, so dass eine Andeutung von Raum entsteht und ein spannungsvoller Dialog mit den Architekturfotografien Müllers. Jürgen Tietz

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