Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

AUSSTELLUNG

Zionismus

als Ausweg

Ein vergilbtes Blatt, auf das physikalische Formeln gekritzelt sind. Die Zeichen brechen plötzlich ab und weichen einem kurzen, ausformulierten Text: „Die von den Deutschen und ihren Bundesgenossen inszenierte Vernichtungsaktion am jüdischen Volke stellt ein Massenverbrechen dar von solchem Ausmasse, dass sie in der Geschichte der zivilisierten Menschheit einzigartig dasteht…“ Man sieht den zerstreuten Professor mit schlohweißem Haar förmlich vor sich, den eine plötzliche Gedankenabscheifung aus seinem physikalischen Universum reißt. Das unpublizierte Dokument von 1944 ist eindrucksvolles Zeugnis für die Arbeitsweise von Albert Einstein . Es steht im Zentrum einer kleinen, gestern eröffneten Ausstellung im Centrum Judaicum (bis 6. Mai) die unter dem Titel „relativ jüdisch“ mit Hilfe von Briefen, Fotos und in Deutschland bisher unbekannten Film- und Tonbandaufnahmen eine eher unbekannte Seite des Nobelpreisträgers vermittelt: die des kritischen Förderers des Zionismus. Seine Symbolkraft war dem Nobelpreisträger bewusst – er nutzte sie, um gezielt bestimmte Projekte zu unterstützen, etwa die Gründung der Hebräischen Universität in Jerusalem. Doch gegen so etwas Monströses wie die Shoa bleiben auch dem Genie nur dürre Worte.

THEATER

Antisemitismus

als Modell

Wie in frisch gefallenen Schnee werden sie auf das kleine Spielfeld herausgeholt, die braven Bürger eines kleinstädtisch verschnarchten Ortes irgendwo auf der Welt. Im Pavillon des Berliner Ensembles liegt dieser weiße, gleichsam noch unberührte Grund zwischen zwei karg bemessenen Zuschauertribünen. Ein Ort der Unschuld, mit tiefschwarzen Durchgängen in verborgene Innenwelten – ein Experimentierfeld. Claus Peymann lässt bei seiner Inszenierung von Max Frischs Klassiker „Andorra“ Klarheit walten, Zurückhaltung, Verständnis. Wer da auf den leeren Platz kommt vor der angenommenen Kneipe mit der Musicbox, führt nichts Böses im Schilde, und wenn es schlimm kommt, trinkt er zu viel. Peymann zeigt, dass nur brav Gewöhnliches von den Andorranern zu erwarten ist, sie führen ihr gemächliches, bescheidenes, unaufgeregtes Leben. Und neigen doch oder gerade deshalb, sich bedroht fühlend, zu einer Verstocktheit, die bis ins Mörderische reicht. In Andorra nämlich gibt es einen „Anderen“, einen Jud, der die Gemeinschaft aufstört. Zunächst fast unbemerkt, vielleicht sogar ungewollt, wird dieser Andere zur Gefahr, zum Fremdling und Feind, der ausgestoßen, vernichtet werden muss. Und wenn sich herausstellt, dass er kein „Jud“ war, sondern ein Andorraner wie alle anderen, dann ist das zu bedauern – wie immer Schlimmes im Nachhinein „bedauert“ wird. Und wenn Andri doch ein „Jud“ gewesen wäre? An dieser Frage hat sich viel Streit um das 1961 in Zürich uraufgeführte Stück entzündet. Frisch wollte den Antisemitismus, wie er fast zwei Jahrzehnte nach der ersten Aufführungs-Serie notierte, als ein Exempel sehen „für ein allgemeineres Phänomen des Vorurteils“. Mit einem vorwiegend jungen Ensemble macht sich Peymann diesen „Ursprung“ der Parabel zu eigen, indem er wie auf dem Schachbrett, ganz unaufgeregt die Bedingungen aufstellt, unter denen sich die zunächst wenig greifbare Gemengelage zur Gewalttätigkeit auswächst. Die weißen Wände tragen Inschriften: Jud bleibt Jud. Auf engem Raum entsteht eine das Spektakuläre meidende, helle Aufführung (wieder am 15, 16., 23. und 26. März). Christoph Funke

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