Kultur : KURZ & KRITISCH

Katharina Granzin

LITERATUR

Zwei Religionen,

zwei Wohnetagen

Ravan ist Hindu, und Eddie stammt aus einer Familie goanischer Christen: „Zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei Religionen und die Feindschaft von zwei Frauen trennten sie voneinander. Wie hätten sich ihre Lebenswege da kreuzen können?“ So fragt der 1942 geborene Inder Kiran Nagarkar in Ravan & Eddie , seinem ersten auf Englisch geschriebenen Roman (übersetzt von Giovanni u. Ditte Bandini, A1 Verlag, München, 395 S., 24,80 €). Die Handlung spielt im Bombay der Fünfzigerjahre, in einem chawl: einer Mietskaserne mit nur einem Zimmer pro Familie. Der zwölfjährige Ravan lebt auf einem Hindu-Stockwerk mit seiner hart arbeitenden Mutter und einem Vater, der das Leben auf dem Sofa verdämmert. Eddie teilt sich ein Zimmer auf der Christen-Etage mit Schwester, Mutter und Großmutter. Sein Vater stirbt am Tag von Eddies Geburt, als der den kleinen Ravan auffängt, wie er vom Balkon des vierten Stocks fällt. Das gibt den Ton vor. Eddies Mutter lässt keine Gelegenheit aus, Ravan als Mörder zu beschimpfen. Nagarkar, einer der angesehensten Schriftsteller mit der Muttersprache Marathi, hat einen Episodenroman geschrieben, dessen erstaunt-belustigter Erzählton noch die schrecklichsten Ereignisse beiläufig mitteilt. Ravan wird von einem Mitschüler als Sexsklave missbraucht, und beide Jungen werden von ihren Müttern bis zur Besinnungslosigkeit geprügelt (heute, 20 Uhr, liest Nagarkar im Berliner Literaturhaus).

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MULTIMEDIA

Von Killern

und Kaninchen

Ein neues Poesieformat hätten sie entwickelt, eine Möglichkeit zum Festhalten des lyrischen Augenblicks. So enthusiastisch präsentieren Wolf Hogekamp und Bas Böttcher im Bastard ihr neuestes Projekt, die DVD Poetry Clips Vol. I : filmische Text- und Selbstinszenierungen von 18 Protagonisten der deutschen Slam- Szene. Die Großbildleinwand hängt bereit, aber es gibt auch Live-Programm: am beeindruckendsten Beatbox Eliot, der mit Mund und Mikrofon jeden Drumcomputer in den Schatten stellt. Dann die Clips: Hogekamps „Drogen“ gibt sich angemessen rau und prollig; Stephan Porombkas Killer-Serenade „Die Haut der Mädchen“ zeigt neben dem Autor einige scharfe Messer und eine Kaninchenleiche; und auch bei Sebastian Krämers Terror-Text „Bonn“ ist die filmische Ebene eine Erweiterung der Live-Performance. Das gelingt durchaus nicht allen Filmen. Aber es ist wie beim Poetry Slam: Ausgefeiltes und Ausgerutschtes steht nebeneinander. Five minutes of fame, dann ist die Bühne wieder frei. Jan Oberländer

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