Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Clewing

DISKUSSION (1)

Die Skandale

der Gegenwart

Wenn die Deutschen über die NS-Zeit streiten, dann tun sie das „hundertprozentig“. Es war Antonia Grunenberg, Professorin für Politikwissenschaft in Oldenburg, die die allseits verbreitete Neigung zur „Entweder-Oder-Mentalität“ kritisierte und damit die Tonlage vorgab für die Diskussion „Weiße oder blinde Flecken? Deutschland und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit “ im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek . Wieder sollte es um die Friedrich Christian-Flick-Collection gehen, weshalb Grunenbergs Mahnung, im Furor der Debatte den Blick für die Verhältnisse nicht zu verlieren und auch Zwischentöne auszuhalten, durchaus angebracht war. Es lag nicht zuletzt an der engagierten Moderation der Leiterin des Hannah-Arendt-Zentrums, dass sich die Veranstaltung durch ihre Mehrstimmigkeit angenehm von den vorangegangenen unterschied. Deborah Lipstadt, Holocaust-Forscherin aus Atlanta und definitiv keine Flick-Freundin, hielt der Kunstausstellung zu Gute, sie sei „sicher kein Versuch, die Geschichte zu verleugnen“. Allerdings fragte sie nach den Grenzen der Zumutbarkeit: „Hätte Berlin auch eine Sammlung Himmler akzeptiert?“ Der Journalist Hans Leyendecker bemängelte, die Ausstellung sei wider besseren Wissens „ertrotzt worden“, während sein Kollege Jens Jessen Debatten wie diese als „Dekoration“ abqualifizierte. Julius H. Schoeps dagegen konstatierte mit Sorge die Tendenz, dass in Deutschland zunehmend Nichtjuden „die Rolle der Opfer übernehmen“ und beklagte, weshalb es an den Universitäten hierzulande keinen einzigen Lehrstuhl für die Erforschung des Holocaust gebe. So hat die Flick-Collection vielleicht mehr Gutes als man glaubt: Nun kommen die wahren Skandale der Gegenwart ans Tageslicht.

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DISKUSSION (2)

Die Texte

der Bohèmiens

Ausverkauft ist’s, und zu Recht, als in der Literaturwerkstatt nun schon zum zweiten Mal über Popmusiktexte geredet wird, diesmal zum Thema „Subversion“. Frank Spilker , Sänger der „Sterne", und Songwriterin Bernardette La Hengst (Ex-„Die Braut haut ins Auge“) sind eingeladen, mit dem Journalisten Martin Büsser darüber zu sprechen, was es heißt, wenn sie singen: „ich scheiß auf deutsche Texte“ (Spilker), oder: „wir werden verlieren, wenn wir uns nicht organisieren“ (La Hengst). Die Dame trägt krankheitsbedingt eine Augenklappe und sieht damit an der E-Gitarre um so cooler aus, Spilker spielt hemdsärmelig Akustikklampfe. So wird der Abend schon musikalisch ein Erfolg: großartige Songs, jauchzendes Publikum, zwei Zugaben. Zwischendurch redet man über jugendliches Dagegensein, bohèmistisches Sich- Einrichten und dass man, wie La Hengst, auch mit über 30 den Hintern hoch bekommen kann. Pop ist eine internationale Sprache, sagt Büsser. Also beliebig? Für Spilker muss vor allem die emotionale Botschaft stimmen, dann funktionieren auch Protestsongs. Das zu Plakative schluckt die Kulturindustrie, das Abstrakte niemand. Wie Büssers vage Fundamentalkritik am „System“ demonstriert. Dabei hat La Hengst ja einen Vorschlag gemacht: „Die da oben machen ja doch, was wir wollen.“ Jan Oberländer

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