Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR

Amöbenbau

in Pink und Grün

Der neue Star in Brandenburg ist eine Bibliothek: Mit ihrem geschwungenen amöbenförmigen Grundriss und der bedruckten Glasfassade sorgt der plastisch durchgeformte Neubau der Universitätsbibliothek der BTU Cottbus schon von außen für Aufsehen. Es ist ein Solitär mit Hinguckereffekt, der sich auch im Inneren fortsetzt. Dafür sorgen allein schon die spiralförmige Treppe und die knalligen Farben, allen voran pink und grün, die die beiden Schweizer Stararchitekten Pierre Herzog und Jacques de Meuron hier eingesetzt haben. Hinter dem innovativen Esprit der Cottbusser Bibliothek kann sich die annähernd zeitgleich entstandene neue Bibliothek der TU-Berlin bloß schamhaft verstecken. So fotogen ist Herzog/de Meurons Neubau, dass die Galerie suitcasearchitecture gleich eine ganze Truppe von Fotografen eingeladen hat, um unter dem Titel fo(u)r views ihren Blick auf das Gebäude vorzustellen – von der Entstehung bis zum fertigen Bau (Choriner Straße 54, bis 24. März). Neben Studierenden der BTU sind auch Werner Huthmacher und Monika Nikolic mit Bildern vertreten. Die Ausstellung bietet nicht nur faszinierende Ansichten eines sensationellen Gebäudes, sondern auch eine kleine Schule des Sehens, unterscheiden sich doch die Handschriften der Fotografen voneinander. Allen gemeinsam aber ist, dass sie ein Stück sehenswerter Guter-Laune-Architektur eingefangen haben.

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FOTOGRAFIE

Mexiko

vor der Haustür

Ein Griechentempel in Bitterfeld? Das australische Felsplateau hinter einem Hügel in Potsdam? Mit solchen Irritationen jongliert der Fotograf Ulrich Wüst in seinen Reisebildern, die häufig gar nicht weit von seiner Berliner Haustür entfernt entstanden sind. 2004 erschien sein kleiner, feiner Fotoband „Kopfreisen und Irrfahrten“ bei Walter König (28 Euro), jetzt zeigt die Guardini-Galerie die Ausstellung zum Buch: Irrfahrten (Askanischer Platz 4, bis 8. April, Di-Fr 14-19 Uhr).

Wüst präsentiert seine kleinformatigen Schwarzweißfotos in Serien. Seitlich kleben Orts- und Zeitangaben, doch die Beschilderung ist absichtlich ungenau. Stammt die urbane Blechwand nun aus Berlin? Und die Säulenreste vor romantisch-kulissenhaftem Vordergrund – hat Wüst sie wirklich in Athen entdeckt? „Unter südlicher Sonne“ hieß eine Wüst-Ausstellung zu DDR-Zeiten. Der freie Reiseverkehr, der damals nur im Kopf stattfand, sei ein Schlüssel zu seinen Arbeiten, erzählt der aus Magdeburg stammende Fotograf. Und noch ein Geheimnis gibt Wüst preis: Die Kakteenpflanze vor sonnenbeglühter Fassade, schönstes Stück der Ausstellung, hat er in Güstrow abgelichtet und nicht in Oaxaca. Zuhause ist es doch am mexikanischsten. Jens Hinrichsen

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