Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Der Zar

im Zimmermann

„Sind Sie zufrieden?“ Welche Frage, gnädige Frau! Sind Ihre Hände nicht ebenfalls warm vom schier endlosen Applaus für das Philharmonische Orchester Rotterdam und seinen Chefdirigenten Valery Gergiev ? Was ficht es uns an, dass in den Reihen der Zuhörer im Konzerthaus deutliche Lücken klaffen? Nein: Wer Gergiev als Wahlholländer weniger ernst nehmen mochte denn als Direktor des legendären Mariinsky-Theaters, hat einfach einen Fehler gemacht. Die Niederländer erkannten schon 1988 den Zaren im Zimmermann und huldigen Gergiev seitdem mit einem großartigen runden Ensembleklang, der kammermusikalischen Ensemblegeist mit russischer Weichheit und Wärme verbindet. Ideal, um Strawinskys „Petruschka“ rückhaltlos als farbige Ikone zu genießen.

Das Violinkonzert des 1904 noch unfreiwillig russischen Staatsbürgers Sibelius macht jedoch den größten Eindruck – gerade wegen der Konflikte der Interpretation: Sibelius moderate Satzvorschriften liest Gergiev so genau, dass er die Grenze berührt, wo sich das Al-fresco der Tremoli in Einzeltöne aufzupixeln droht. Bevor das geschieht, setzt jedoch Leonidas Kavakos ein. Sein heller, farbenreicher Ton mit den überirdisch intensiven Flageoletttönen steht im Kontrast zur abgedunkelten Orchesterpalette. Doch beim gemeinsamen Ziel, das gefährliche Tempo mit unsentimentaler philosophischer Intensität zu füllen, finden sich beide Künstler auf eine Weise, die mehr als zufrieden macht.

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NEUE MUSIK

Klangbrücke

ins Nirgendwo

Die MaerzMusik macht Neue Musik zum Abenteuer: Am Anfang dieses Abends steht eine Schifffahrt vom Halleschen Ufer zum Kabelwerk Oberspree . Da gibt es aber keinen Anleger, und der Reeder muss sich verspätet Gedanken machen, wie die Passagiere an Land kommen. Kräftige Arme helfen beim Ausstieg auf einer improvisierten Brücke, schließlich betreten die Konzertbesucher mit einer Stunde Verspätung die Halle. Nicht, dass Industriebauten als Kulturveranstaltungsortekeinen Charme hätten, nur erschließt sich dieser im Sommer einfach direkter. Denn die Halle ist unbeheizt, das Publikum kauert sich fröstelnd in die nasskalten Mäntel. Es heißt, dass die Musiker der internationalen Ensemble Modern Akademie hier tagelang bei null Grad geprobt haben. So mancher wird den Sonntag wohl im Bett verbringen.

Leider ist das Kabelwerk auch akustisch nicht sonderlich für die Konzertinstallation von Benedict Mason geeignet. Seine Komposition trägt den kryptischen Titel „felt/ebb/thus/brink/here/array/telling“, in zwölf Nummern verteilen sich die Musiker mit den verschiedensten, meist selbstgebauten Instrumenten um das Publikum. Aber der Klang gewinnt nicht jene plastische Qualität, die ihn bei der Uraufführung in der Turnhalle Donaueschingen auszeichnete, er versprüht gewissermaßen ungeformt im Raum. Die harten, knackigen Impulsklänge, die von den mit Ohrsendern vernetzten Musikern in komplexen Mustern geschlagen werden, vermitteln noch am ehesten den Eindruck visualisierter Klanglichkeit, der sich Mason verpflichtet fühlt. Ulrich Pollmann

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