Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Auf Biegen

und Brechen

Kunst braucht Konsequenz, aber nicht unbedingt ein wiedererkennbares Markenzeichen. Günther Uecker wurde mit Nagelbildern berühmt. Seine Meisterschülerin dagegen, die 1965 in Köln geborene Ruth Baumann , zieht ganz unterschiedliche Materialien heran, um ihr Thema zu verwirklichen: die Öffnung des Kunstwerks in den Raum hinein, zu erleben derzeit im Mies van der Rohe Haus . Auf einen inneren Zusammenhang der 26 Arbeiten verweist auch der Ausstellungstitel Der weiße Faden (bis 1.5., Oberseestraße 60).

In keiner Ausstellung zuvor war so viel weiße Wand zu sehen im Wohnzimmer des 1932 von Mies erbauten Landhauses. Heute hängen dort Objekte, für die Baumann durchsichtige PVC-Platten zu raffiniert-barockem Faltenwurf verbogen hat. Man sieht förmlich, wie die Luft in die Ausbuchtungen hinein- und wieder herausfließt. Ebenso einfallsreich kontrastieren stereometrische Entwürfe mit einem Material, das sich der strengen Architektur nicht fügen will. So ist ein genähter Ring aus Stoff zu sehen, der trotz akkurater Ausführung faltig zusammensackt. Die Schwerkraft als künstlerische Produktivkraft tritt auch in Nähbildern in Erscheinung. Eingenähte schwarze Fäden bilden gerade Linienspuren, setzen sich dann außerhalb der Bilder fort, indem sie zum Fußboden herabhängen und sich dort zur lockeren Zeichnung kringeln. Die Linie ergießt sich in den Raum – so werden die Bilder zu Objekten.

Auch drei lapidar an die Wand des Schlafzimmers gelehnte „Scherenschnitte“ öffnen sich zum Umfeld, um zwischen Flachware und Skulptur zu changieren. Doch sind sie keineswegs so leicht, wie sie aussehen - Ruth Baumann hat sie aus dickem Stahl gefertigt. Eine Poetin des Materials.

KLASSIK

Helden in der

Wiederholungsschleife

Die Berliner lieben ihren Ring . Wenn Wagners Welttheater an vier Abenden über die Bühne der Deutschen Oper geht, werden schon am Nachmittag Stabreime mit Schnauze rezitiert und Garderoben in ambulante Büffets verwandelt. Ein großes Volksmusikfest, das viel zu selten stattfindet. Nach den Wagner-Festtagen 2003 verschwanden die Werke des Meisters fast völlig aus dem Spielplan der Deutschen Oper. Der aktuelle Durchlauf des 20 Jahre alten „Rings“ wurde so kurzfristig eingeschoben, dass Dirigent Jun Märkl nicht mal Zeit für eine Bühnenorchesterprobe blieb.

Müßig also die Frage, ob Märkl sich mit seinem Dirigat als neuer Generalmusikdirektor der Deutschen Oper aufdrängt. Der Münchner ist vor allem ein „Ring“-Ermöglicher – und zeigt darin stoisches Temperament. Wenn Robert Hales Wotan am „Walküren“-Abend Textzeilen kühn überspringt, kümmert das den Dirigenten wenig. Vielleicht hätte man die Übertitel zur Bühne drehen sollen, denn Hale, ein Held vergangener „Ring“-Umrundungen, scheint der Zusammenhang von Wagners dunkler Dichtung zu schwinden. Kein Wunder, dass er seiner rhetorisch messerscharfen Gattin Fricka (ein kalter Edelstein: Mihoko Fujimura) unterliegen muss.

Die durch Müdigkeit diktierte Ökonomie von Hales Wotan korrespondiert trefflich mit dem berühmten Zeittunnel, der wie ein prähistorisches Raumschiff aussieht. Der Gott in der Wiederholungsschleife, sein weißer Mantel schwer vom Bühnenstaub gezeichnet. Das Publikum der Deutschen Oper hat ein großes Herz für graue Helden. Dafür bekommt es mit Petra Langs glutvoller Sieglinde eine Ahnung von Frühling geschenkt (Restkarten für „Siegfried“, 18.3., und „Götterdämmerung“, 20.3.). Ulrich Amling

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