Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Kleiner

Lauschangriff

Ein typischer Berliner Konzertabend: Zuerst trifft man an der Abendkasse auf eine Meute von rund zweihundert Menschen, die sich kurzentschlossen auf den Weg in den Kammermusiksaal der Philharmonie gemacht haben (und natürlich ist mal wieder nur ein Verkaufsfenster geöffnet) – und dann erlebt man Klassik vom Feinsten. In diesem Fall den fünften Saison-Abend der Spectrum Concerts : Frank Dodge, Cellist und Initiator der rein privat finanzierten Konzertreihe, hat seine Musikerfreunde diesmal für ein Programm zusammengetrommelt, das Dmitri Schostakowitsch feiert, vielleicht den größten, sicher aber den menschlichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Janine Jansen und Julian Rachlin sind sich bei den „fünf Stücken für zwei Violinen“ einig wie eineiige Zwillinge. Als hätten Brahms und Rachmaninov Brüderschaft getrunken, beginnen Jansen, Christian Poltera und Kathryn Stott das c-Moll- Trio – um dann um so genüsslicher expressionistische Blitze in die romantische Idylle fahren zu lassen. Wenn sich die Solistentruppe auf das Streichquartett Opus 110 und das g-Moll-Klavierquintett stürzt, fühlt sich der Zuhörer fast ein wenig peinlich berührt: Darf man derart ernste, rückhaltlos ehrlich geführte Gespräche überhaupt belauschen? Gerade deswegen: Riesenjubel.

KUNST

Die Überbietung

der Überbietung

Während man in Leipzig huldvoll des Meisters aller ostdeutschen Malerklassen, Bernhard Heisig, gedenkt, hat auch Berlin sein Revival der heftig aufgerührten Art: Parallel zum Dresden Pop und der bewusst unopportunistischen Melancholie der jungen (ebenfalls in Leipzig ausgebildeten) LIGA-Künstler delektieren sich zahlreiche Kunstliebhaber an der illustrativen Drastik von Albrecht Gehse (Jahrgang 1955). Derzeit sind seine Werke bei der Allianz-Kulturstiftung in den Treptowers (bis 31. März) zu sehen. Unter dem bedeutungsschwangeren Titel „Zeitenwende“ zeigt der in Berlin lebende Maler so ziemlich alles, was ihn bekannt gemacht hat – angefangen bei den frühen Bildnissen proletarischer Randexistenzen bis zum Kanzler-Porträt von Helmut Kohl. Außerdem sind jene entfesselten Figurenkompositionen zu sehen, in denen Fische und Großstadtindianer aufeinander stoßen. Wenn es eine Sehnsuchtsmelodie für ein aktuelles Malereimodell gibt, dann hat Gehse einen Evergreen für aufgekratzte Stunden gefunden. Wer glaubte, der Leipziger Neo Rauch, ein Heisig-Schüler wie Gehse, sei mit seinen surrealen Überbietungen der Wirklichkeit der Retter der Stunde, wird Gehse mitdenken müssen. Angesichts des obsessiven Rituals, mit dem er seine Wirklichkeitswahrnehmung antizipiert, ist erneut ein Vertreter der Leipziger Neo-Expressiven erfolgreich, der in der Überbietung der Überbietung zur Höchstform aufläuft. Christoph Tannert

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POP

Schmerzensmann,

geh du voran!

Ein Mann steht am Anfang einer Straße, die ihn aus der Stadt herausführen wird. Um ihn herum Düsternis. Verfallene Häuser. Zerstörte Karossen. Das Ende der vormals zivilisierten Welt. Doch diese Straße hieße nicht „Hope Street“, wenn nicht am Ende die Sonne machtvoll aufginge. Licht am Ende des Tunnels, durch das Rauhe zu den Sternen: „Wie lange kann man eine Seele fesseln? Nichts besteht ewig, alles ist im Fluss: Macht Euch bereit zur Morgenröte des Lebens!“ Ein Soul-Preacher alten Stils ist der Brite Andrew Roachford , der seine Message von der welterlösenden Kraft der Musik seit 20 Jahren zu verkaufen weiß. Seine Via dollarosa führte ihn ins ausverkaufte Quasimodo , wo der farbige Schmerzensmann mit rauchig-weichem Timbre das Publikum an der Überfülle seiner Weisheit teilhaben ließ: Von der ersten Sekunde hat Roachford seine Jünger im Griff. Unterstützt von seiner dreiköpfigen Band präsentiert er zwei Stunden lang harte Funk-Riffs im Wechsel mit bisweilen etwas seifigen Balladen. Nach dem Tribut an seine persönlichen Götter Stevie Wonder, Curtis Mayfield und John Lennon nähert sich die Stimmungskurve dem Siedepunkt mit der Interpretation des housigen „Pop Muzak“, mit dem Roachford und Mousse T. unlängst die Club-Charts enterten. Hans von Seggern

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KUNST

Reisen nach

Jerusalem

Eine Kathedrale aus Bildern sendet ihr Licht aus. Der Widerschein fällt auf rohe Backsteinwände und einen offenen Dachstuhl. Ort der Verheißung: der Kaisersaal am Bahnhof Zoo, als Offizierskasino erschaffen, im Krieg zerstört, heute zum Museum für Fotografie gehörend. Bis er als vollklimatisierter white cube wiederaufersteht, dürfen keine Papierarbeiten ausgestellt werden. Doch Künstler wie Philipp Schönborn machen aus der Konservatoren-Not eine Tugend. Der 58-Jährige arbeitet mit Großdias in robusten Leuchtkästen. Sie dokumentieren unter dem Titel Heiliges Land eine Reise nach Jerusalem (Jebensstr.2, bis 19.6.). Der zeitgenössischen Kunst wirft der Wahlmünchner Religionsferne vor. Er selbst will mit seinen künstlerischen Glaubensbekundungen Denkanstöße geben – und tappt in die Didaktik-Falle. Ein lang gestrecktes Hochformat aus zehn Leuchtkästen kombiniert verschiedene Aufwärts-Reißschwenks, fotografiert an islamischen und jüdischen Orten in Jerusalem. Das Tableau soll einen Querbezug zum Christentum herstellen und erschöpft sich doch in der Oberflächlichkeit einer Touristenbroschüre. Tiefer schürft Schönborn mit der zur Raumskulptur erweiterten Fotoarbeit „Aller Heiligstes“. Darauf ist der von Glaubenskämpfen erschütterte Felsendom zu sehen. Die in Kachelblau und Kuppelgold strahlenden Bildträger hat Schönborn wiederum zur Architektur angeordnet. Keine feste Burg, eher ein Kartenhaus – jederzeit einsturzgefährdet. Jens Hinrichsen

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