Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

NEUE MUSIK

Der DJ

klopft den Bass

Erst läuft die Clubtransmediale dem Jazzfest den Rang ab, dann spielen sie auf der MaerzMusik Stücke von Popelektroniker Aphex Twin. Während sich das Haus der Berliner Festspiele für die Clubkultur geöffnet hat, dreht das Watergate den Spieß um: „Club Redux“ heißt die ambitionierte Konzertreihe, in der sich das neunköpfige Redux Orchestra mit den Pionieren der Minimal Music auseindersetzt. Nachdem im Januar Werke von Terry Riley aufgeführt wurden, geht es nun um Steve Reich, der mit seinem repetitiven Stil eine Vorreiterrolle für die Sampling-Techniker einnimmt (wieder am 7. April mit Kammermusik u.a. von Scelsi, Satie, Pärt, Feldman und Glass, 22 Uhr). Liegt die Idee zu nah? Der Auftritt des Redux Orchestra ist durchwachsen. Reichs Tonband-Loop „Come Out“ wird von Ricardo Villalobos bearbeitet, der uninspiriert tiefe Basstöne vom Touchpad seines Samplers klopft, während ausgerechnet Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten zeigt, wie gut Reichs Methode der Phasenverschiebung als Rocker-Brettl funktioniert („Guitar Phase“). Zum Kernstück des Abends avanciert das 45-minütige „Phase Patterns“: zwei Keyboards, fünf Bläser, Bass und Schlagzeug interpretieren das Monumental-Stück etwas holprig, aber durchaus mitreißend.

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OPER

Die Bohème

trinkt Bier

Hätte Puccini seine Oper „La Bohème“ heute geschrieben, wo würde sie spielen? Für die freie Produzentin Janka Voigt sowie die Regisseurin und Hanns-Eisler- Absolventin Solvejg Franke liegt die Antwort auf der Hand: in einem Szeneklub in Prenzlauer Berg, wo die von Hartz IV bedrohte Berliner Bohème zu DJ-Musik ihr Bier trinkt. Mit dem ebenso schrill wie geschmacklos schillernden DDR-Ambiente eines Anonymen Klubs (Pappelallee 81) fanden sie die richtige Location, um Puccini als Kammerversion für Cello, Flöte und Klavier aufzuführen, mitten zwischen den Besuchern (musikalische Leitung: Rainer Kilius).

Zunächst denkt man: Oh je, kann das funktionieren? Doch schon kurz nachdem Gabriel Urrutia Benet als Marcello an die Bar gestürmt kommt und klagt, wie kalt es in seiner Wohnung ist, sind alle Zweifel verflogen. Ohne einen Orchestergraben überwinden zu müssen, branden die Schicksale ans Besucherohr und scheinen die Wände des Clubs sprengen zu wollen, so dass man auch flüchtige Toilettenbesucher plötzlich für Figuren im tragischen Spiel hält. Die Parallelen zwischen Stück und Wirklichkeit sind augenfällig. Voigt trägt sämtliche finanziellen Risiken selbst, und die Sänger, die meisten unter 30, können von dem Honorar nicht leben. Nach diesem Abend wünscht man ihnen eine Karriere an den großen Häusern. Auch Prenzlauer Berg hat jetzt eine Oper (noch bis 15. April). Udo Badelt

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KUNSTPREIS

Der Maler

sieht schwarz

Der Maler Fred Thieler war ein Meister des deutschen Informel. Mit seinen eruptiv auf die Leinwand geschleuderten abstrakten Kompositionen schuf er Farbräume, deren Dynamik selbst durch die Grenzen ihres Bildträgers kaum zu bändigen war. Wenn nun Günter Umberg den Fred Thieler-Preis der Berlinischen Galerie verliehen bekommt und mit einer Austellung geehrt wird, dann trifft es kongenial den Richtigen (Alte Jakobstraße 124-128, bis 24. April). Auch ihm geht es um die Farbe und ihre optische Wirkung, das Bild und seine Dimensionen. Dabei haben seine Werke außer sich selbstkein spezielles Thema. Er malt auf Holz, seine Gemälde sind schwarz, tiefschwarz, sonst nichts. Gut, ein flaschengrünes Bild findet sich auch in der kleinen Ausstellung zu Ehren des Preisträgers. Aber da Umberg die Pigmente offenkundig fast ohne Zusatz von Öl benutzt, hat das zur Folge, dass seine Farbflächen praktisch kein Licht reflektieren. Dadurch entwickeln seine Bilder einen extremen Sog in die Tiefe und erlangen eine räumliche Dimension, die rein physisch nicht in ihnen angelegt ist. Illusionen sind manchmal ganz einfach zu fabrizieren – und gleichzeitig eine komplexe Sache. Ulrich Clewing

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