Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Alles auf

Swing

Die befrackten Orchestermusiker starren ihn an, als wäre er ein Wesen von einem anderen Stern. Und in gewisser Weise ist Gilles Apap das auch: Einer, der sich um die Schubfächer von Klassik, Jazz und Weltmusik ebenso wenig schert wie um herkömmliche Konzertrituale. Lässig das Hemd aus der Hose, die Fidel unterm Kinn, schlendert der französische Geiger auf die Bühne der Komischen Oper , scheint sich erst mit dem ganzen Körper in den Rhythmus von Bartoks zweite Rhapsodie einzuschwingen, bevor er fast beiläufig in die Musik hineingleitet. Zwanglos schlendert er beim Spiel auf der Bühne herum, als sei er nur auf der Suche nach Freunden, mit denen er richtig Musik machen kann. Die zu finden, ist erst mal nicht einfach, obwohl das Podium voll besetzt ist: Die Musiker trauen sich zunächst nicht mitzuswingen und halten sich lieber an der holzschnitthaften Faktur und den klar voneinander abgesetzten Grundfarben von Kodalys Hary-Janos-Suite fest, deren sechs Nummern Apap und Dirigent Andrey Boreyko mit Bartoks Geigenrhapsodien zum Ungarn-Potpurri verrührt haben. Doch bald beginnt die elementare Musikalität Apaps zu wirken: Ganz sachte scheint bei einigen die Idee an ein befreiendes Musikmachen jenseits des Orchesterdienstes aufzudämmern. Sibelius’ zweite Sinfonie nach der Pause wird zwar blitzsauber und klangschön gespielt, erzählt aber wenig von existenzieller Verzweiflung und dem Ringen um Erlösung. Und der Außerirdische ist schon weitergeflogen.

THEATER

Alles auf

Zucker

Hoch über dem Strand von Tel Aviv liegt der Freiheitspark. Jeden Abend beginnt dort ein reges Treiben. Schwule Männer durchstreifen das Gebüsch auf der Suche nach Sex. In diesem Park ereignete sich vor 15 Jahren ein ungewöhnliches Liebesdrama: Ein Rabbi verliebte sich in eine Prostituierte, die gar keine Frau war. Die israelische Öffentlichkeit erfuhr von dem Skandal, weil ein Journalist eine Reportage darüber geschrieben hatte. Jetzt hat Dan Lahav, Intendant des Jüdischen Theaters Bamah am Steinplatz, aus diesem Stoff ein Stück gemacht. In Der Rebbe und der Transvestit verkörpert UdK-Absolvent Vivian Lüdorf den Transvestiten Marilyn mit genau jener Mischung aus Stärke und Zerbrechlichkeit, die für Menschen im falschen Geschlecht häufig charakteristisch ist. Hans Morgeneyer spielt Rabbi Moshe, der zwischen seiner Liebe und den Geboten seiner Religion fast zerrissen wird. Lahav zeigt, dass die jüdische Welt nicht nur aus Witz und Zucker besteht, sondern auch eine strenge Seite hat. Als er Mitglieder der Potsdamer jüdischen Gemeinde einladen wollte, weigerten sie sich, ein Stück zu besuchen, in dem Lügen gezeigt werden. Ein Rabbi geht nicht in den Park. Udo Badelt

KUNST

Alles auf

Anfang

Wer die Berlinische Galerie besucht, schaut unweigerlich in diese Augen. Sie sind blau, erstaunlich hell für das dunkelhäutige Gesicht. Konzentriert, fast grimmig blicken sie über den Besucher hinweg – womöglich einem Boxkampf entgegen? „Kopf“ heißt das monumentale Gemälde von Markus Willeke. Die Berlinische Galerie hat ihre Eingangshalle geräumt und Platz geschaffen für fünf Nachwuchskünstler, die für den Förderpreis Bildende Kunst der Schering-Stiftung nominiert sind (Alte Jakobstr. 124-128, bis 22. Mai). Verliehen wurde er am Ende an Cornelia Renz. Lolitas, Kind-Frauen in High-Heels, bevölkern ihre Bilder. MitPigmentstiften, die an die Filzstifte unserer Kindheit erinnern, entwirft sie eine Welt zwischen Traum und Alptraum. So malt sie eine Anti-Lara Croft mit Gasmaske und Maschinengewehr in einen Wald märchenhafter Riesenblumen. Vor einer Hello-Kitty-Werbung hält das Mädchen Puppy einen Welpen in der Hand. Abgründiges schleicht sich auf bunten Filzstiftpfoten ein. Renz’ Werke ragen durch diese radikale Fantasie und eigenwillige Bildsprache heraus; sie heben sich ab von den fotorealistisch anmutenden Landschaften Thomas Dillmanns, den farbintensiven Seelenwelten pubertierender Mädchen Justine Ottos, den poetischen Arbeiten Jonsuk Yoons, den gewaltigen Gemälden Markus Willekes, der Filmmotive in Öl festhält. Die Arbeiten der jungen Künstler reagieren auf unsere Mediengesellschaft, doch sie erklären nichts, reflektieren nur unseren Blick. Und schauen zurück – aus blauen Augen. Vanessa Loewel

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