Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Mit John, Paul, George & Ringo

auf den ewigen Erdbeerfeldern

Postbahnhof . Postpunk. Postmod. Klänge fließen ineinander. Keyboards, Gitarren, Schlagzeug und Bass schürfen in der Tiefe. Rühren dicke Soundpampe. Klangschwaden wehen von der Bühne herunter, süßliche Rauchschwaden aus dem Publikum hinauf. Oben steht Jonathan Donahue, Zentralfigur von Mercury Rev . Wie ein englischer Mod der Sechziger, und stammt doch aus den Neunzigern und den Catskill Mountains, Upstate New York. Dunkles Jackett überm weißen Hemd. Kurze Haare, Fransen in der Stirn. Wie ein junger Pete Townshend. Gibt den manischen Dirigenten und durchgeknallten Priester, der große Kreuze in die Luft fuchtelt.

Um Donahue dreht sich alles. Er lässt alles um sich drehen. lässt Klangstrudel einer kompetenten Band um sich kreisen, aus der nur Gitarrist Grasshopper Machowiak mit etwas mehr Individualität hervorglitzern darf. Immerhin ist er alter Kumpel Donahues, und mit ihm einziges Überbleibsel der Ur-Formation. Etliche Male umbesetzt, aufgelöst und wieder reformiert, hatte ihnen 1998 endlich das Album „Deserter’s Songs“ zu internationaler Anerkennung verholfen. Im Konzert spielen sie Songs von zwei weiteren gelungenen Platten. Stilistisch zwischen frühen Syd-Barrett-Pink Floyd, Ziggy-Stardust-Bowie, Strawberryfields-Beatles. Eingängige Popmelodien vermengen sich mit geschrägelter Psychedelik zu bizarr ätherischen Klängen, unter denen sich mehrere Kiffergenerationen für zwei Stunden zusammenfinden zum entrückt hypnotisierten Tänzchen mit ausladenden Zeitlupenbewegungen. Wäre man kein Fan, könnte man es auch für Kitsch halten.

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POP

Mit Buster Keaton

in der finnischen Sauna

Bald kommt der Frühling und wer wüsste eher wie groß diese Freude ist, als jemand aus der Gegend neben dem Polarkreis, wo es monatelang so kalt ist, dass einem die großen Gesten schnell einfrieren. So könnte man weiter erzählen über die Herkunft des finnischen Schauspielers Markku Peltola , bekannt vor allem als „Der Mann ohne Vergangenheit“ aus Aki Kaurimäkis preisgekrönten Film. Im richtigen Leben spielt Peltola auch Gitarre und hat eine Band, mit der er sich eine folkloristische Instrumentalmusik ausdenkt, die so seltsam klingt wie der Titel seines Debüt-Albums „Buster Keatonin Ratsutilalla“ (zu deutsch: „Auf Buster Keatons Ranch“). Beim Auftritt im Palais der Kulturbrauerei überzeugen der wortkarge Kauz und seine Mitstreiter mit zurückhaltender Hingabe.

Niemand spielt sich in den Vordergrund, statt dessen funktioniert das Konzert als herzliches Zusammenspiel unter guten Freunden, die nach der Sauna noch ein wenig im Halbkreis musizieren. Peltola weist mit seiner finnischen Western-Gitarre den Weg durch fein gesponnene Schunkel-Lieder. Eine Musik, die an die flirrenden Filmsoundtracks von Ry Cooder erinnert, aber auch an jamaikanischen Rasta-Dub, kalifornischen Surf oder ähnlichen Landschaftszauber – alles fügt sich zusammen wie ein perfektes Roadmovie. Und zusätzlich groovt es sogar, während das Publikum auf einer hochprozentigen Wolke von Fernweh davon schwebt und dabei in einer Kaurismäki-Kneipe landet, wo der finnische Wodka in große Gläser gefüllt wird. Volker Lüke

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