Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Die Not und

die Zeitritze

An diesem Abend ist es fällig, das hohe Lob des Wörtleins „fast“. Eine fast ausverkaufte Philharmonie anlässlich des ersten konzertanten Ereignisses der Staatsopern-Festtage mit Schuberts „Winterreise“ ; eine Stimmung im Saal, die fast an den Zauberberg denken ließ – kaum eine Zeitritze zwischen den 24 „schauerlichen Gesängen“ nämlich, in der die Bronchien nicht hingebungsvoll getestet worden wären; und ein Interpretenpaar, Thomas Quasthoff und Daniel Barenboim, das fast alles richtig machte. Nun ist es natürlich so, dass ein internationales Publikum wie das der Festtage mit einem 120-minütigen romantischen Liederzyklus potenziell ohnehin überfordert ist. Selbst Lang Lang in Block B erlag zwischen „Irrlicht“ und der „Krähe“, selig lächelnd, der Müdigkeit. Andererseits: Was genau fehlte diesem Abend zum Vollglück, was ließ solche Unruhe überhaupt aufkommen?

Selten wohl hat man Thomas Quasthoff so blendend bei Stimme gehört. Nichts, kein Pianissimo, keine Mezza Voce, kein einzeln ausgemalter Vokal, der seinem sonoren Bariton nicht vollendet in der Kehle gelegen hätte. Die Phrasierungen perfekt, klug die Wahl der Tempi, einsichtig außerdem, wie das lyrische Ich hier das Geschehen weniger erinnert als noch einmal verlebendigt, in sich wachruft. Und auch Daniel Barenboim, der viel Beschäftigte, überzeugte, weniger wohl im begleiterischen Detail als im richtigen Schubertschen Gestus. Schade, dass das umständliche Umblättern den dramaturgischen Atem mehr als einmal stocken ließ. Woran also lag’s, was fehlte? Die Dringlichkeit vielleicht, die Existenzialität, das Gespür für die Not. Diese „Winterreise“ war ganz einfach zu schön, zu frühlingssatt. Aber das ist nur fast ein Vorwurf.

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POP

Der Affe und

der Messerwerfer

Kürzlich hatte Chuck Prophet ganz alleine, nur mit Stimme und Akustikgitarre ein berauschendes Solokonzert gegeben. Heute ist das Knaack knackend voll und Prophet kommt mit Band samt cremefarbener Telecaster und Jeans in Dunkelblau. Jungenhaft drahtig wirkt der blonde Amerikaner immer noch, obwohl er schon in den Achtzigern bei den formidablen Green on Red war. Man beabsichtige, sagt Prophet, diesen Abend für alle Beteiligten möglichst angenehm zu gestalten, und semmelt in die Tele. Messerscharfes Riff, und schon kracht die komplette Band dazu. Lässig cool, aber immer exakt auf den Punkt. Treibende Trommeln, knallende Snare, knurriger Bass. Prophet singt Songs von den hervorragenden letzten beiden Alben „No Other Love“ und „Age Of Miracles“. Warm und weich. Schrill und kreischig. Blechern. Hysterisch. Rock’n’Roll, Pop, Rhythm and Blues. Melodiöse Balladen zwischen Starkstromrock. Prophet verzerrt das Gesicht zu verzerrten Tönen, hüpft, stampft und tanzt wie ein Affe, ohne affig zu wirken. Der Song heißt „Monkey Dance“. Dann luftig, leichte Country-Noten. Die Gitarrensolos ellenlang, Ron Wood, Keith Richards, Neil Young in Gedanken dabei. Und alle tanzen und lachen. „Just To See You Smile“. Das ist Rock’n’Roll. H.P. Daniels

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THEATER

Jakob und

der kranke Opa

Ein Kuschelmärchen ist die Geschichte vom „Wildpferd unterm Kachelofen" nicht. Christoph Hein hat sie für Kinder aufgeschrieben, die ihrem nüchtern-anstrengenden Alltag mit Fantasie zu Leibe rücken. Odette Bereska und Eberhard Köhler bringen die wundersamen Erlebnisse des Jungen Jakob Borg jetzt als ein Spiel für Puppen und Menschen auf die Bühne, in der Turnhalle des Carrousel Theaters . Jakob, acht Jahre alt, besucht seinen schwerkranken Opa im Krankenhaus – und dort werden die Geschichten ausgedacht vom Clochard Panadel und dem Esel Schnauz, vom Mädchen Katinka und dem falschen Prinzen. So zauberisch es auch zugeht in der weiten Welt der vergrabenen Schätze, der Höhlen und des eingefangenen Wildpferdes, das „nur“ ein Kätzchen ist, die leise Trauer um den am Lebensende stehenden Alten bleibt immer spürbar. Regisseur Köhler erzählt das Märchen unsentimental, fast kühl, ohne Verzauberung. Ein Spiel auf mehreren Ebenen: Opa Borg ist eine menschengroße Puppe, Jakob bewährt sich in der Doppelexistenz als Mensch und Wesen aus Stoff. Das gibt dem Spiel auf dem schräg ansteigenden Podest mit seinen Klappen und Vertiefungen allerdings etwas Langsames, Vergrübeltes. Das Märchen, ein Entwurf, mit dem Kinder selbstständig umgehen können (wieder am 5. und 6. April, 10 Uhr). Christoph Funke

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AUSSTELLUNG

Der Mantel

des sterbenden Erlösers

Sie ist nur wenige Zentimeter hoch, die Darstellung der Kreuzigung im Codex Egberti . In 56 Miniaturen erzählt diese um 980 im Bodensee-Kloster Reichenau illuminierte Prachthandschrift vom Leben und Leiden Christi. Der Gekreuzigte erträgt seine Qualen gefasst, doch über ihm verhüllen Sonne und Mond ihr Antlitz, während die Soldaten unterm Kreuz um den Mantel des Erlösers streiten. Nun wird das vom Trierer Erzbischof Egbert in Auftrag gegebene Hauptwerk ottonischer Buchmalerei in der Stadtbibliothek Trier gehütet. Im Deutschen Historischen Museum (DHM) kann es nun, Seite für Seite, betrachtet werden (Pei-Bau, bis 10.April). Im Original ausgestellt sind allerdings nur zwei Doppelseiten des derzeit auseinander genommen Buches. Ergänzt wird die Kabinettausstellung durch Nachdrucke, die der Faksimile Verlag Luzern mit enormem Aufwand hergestellt hat. Im DHM darf darin virtuell geblättert und der lateinische Text mit der deutschen Übersetzung verglichen werden. Der Egbert- Codex wurde 2003 in das Unesco-Programm „Memory of the World“ aufgenommen. Mit ihm will die Weltkulturorganisation dazu anregen, derlei herausragende Kulturzeugnisse digital zu archivieren. Michael Zajonz

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