Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Mein Freund

aus China

Ein hübsches Bild: Eben schwang er noch den Taktstock zu Bartóks zweitem Klavierkonzert, jetzt setzt sich Daniel Barenboim kurzerhand mit ans Klavier und bestreitet die Zugabe mit dem Solisten gemeinsam. Wie wenige Dirigenten beherrscht Barenboim die Kunst, öffentlich Freundschaften zu zelebrieren. Und was man in der Philharmonie hört, klingt einfach wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Nicht von jedem Solisten lässt sich Barenboim zu einem derart intensiven und kammermusikalisch präzisen Dialog herausfordern wie von dem 1982 geborenen Senkrechtstarter Lang Lang . Bei ihm ist jeder Ton, jede Phrase ein Angebot: zum Handschlag, neckenden Widerspruch, aber auch zum vertraulichen Zuflüstern. Ausgerechnet aus den leisen Tönen entwickelt der vor Energie und guter Laune überschäumende Pianist die große Spannung der Interpretation. Barenboim und sein Chicago Symphony Orchestra lassen sich darauf ein und bekommen viel zurück. Denn eine von Lang Langs Künsten ist es, die Klangfarbe des Orchesters sehr spezifisch zu reflektieren. Faszinierend gleicht er sich dem Klang der wachen Flöten und sogar dem Pizzicato der Geigen an. Nicht ganz leicht, sich nach diesen großen Momenten auf Pierre Boulez’ kurze Studie „Originel“ aus „explosante fixe“ einzustellen – sie bietet immerhin Gelegenheit zum ersten Händeschütteln mit dem Komponisten. Mit der Suite Nr. 2 aus Ravels Daphnis et Chloé, musiziert mit der beneidenswert natürlich wirkenden Präzision des amerikanischen Orchesters und bereichert vom farbigen Flötenton Mathieu Dufours, endet das Fest der Freundschaft: in einer Idylle voller satter bocksbeiniger Gottheiten.

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POP

Fernsehen mit

deiner Schwester

Bernd Begemann kann man nicht erklären. Sänger/Songschreiber? Ein Salzufelner in Hamburg. Im schlotterigen senffarbenen Anzug, zartrotem Hemd könnte er auch Propagandist sein: Eierschneider verkaufen. „Ich habe nie in der Gastronomie gearbeitet“, sagt Bernd, „weil ich zu schlecht war!“ Aber er habe mal Süßigkeiten im Kino verkauft. „Diesen Film ,Alfie’ fand ich übrigens auch sehr gut! Wünscht sich jemand was?“ Die Fans schreien durcheinander. Titel fliegen durch den Saal. Bernd singt sie alle. Über 40 Songs im Laufe des Abends im BKA . Bernd spielt den Rock’n’Roller mit der roten, elektrischen Gitarre. Große Rockstarposen. Lustig und selbstironisch. Schüttelgitarre vorm Wabbelbäuchlein, heftige Riffs aus rhythmischen Akkorden gepickt. Schmollen und Grollen. Mit einem starken Drall zu Beat und melodiösen Popmelodien der 60er Jahre. R&B und Soul. Angeschrägte Jazzharmonien zu Texten, die immer wieder das Bizarre des Alltäglichen konstatieren. „Ikea- Hölle“, „Fernsehen mit deiner Schwester“. Beziehungswirrwarr. Verlierergeschichten. Und manchmal ein kleines Schlagerglück. „Only The Lonely“ von Roy Orbison, „Ich will ein Tiger sein“ von Peter Kraus. Und wenn mal Luft bleibt, schiebt Bernd ein paar Impromptu-Dialoge ein: Straßenszenen. Kneipenszenen. Er ist kein Schönsänger. Krakeeler eher, Kreischer. Dreieinhalb Stunden lang. Was Begemann macht, kann man nicht erklären (heute noch einmal im BKA, 20 Uhr). H.P. Daniels

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