Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

OPER

Auf einen Drink

mit George Bizet

Auch das kann die Neuköllner Oper : von großen Gefühlen erzählen. Diesmal von jenen, die einen Menschen überkommen, der mit glasigem Blick an der Theke hängt, während die Sängerin unter den Klängen der Barmusik immer schöner wird – bis sich die Weisheit ihrer Verse erschließt. Ein unerwartet glaubwürdiges Konzept, Georges Bizets kitschige Perlenfischer in eine Lounge zu transferieren – als modernem Projektionsort von Sehnsüchten nach Glück und Reichtum. Aufgehen konnte das allerdings nur, weil man sich in Neukölln eben nicht wie an den großen Opernhäusern die Last der Neudeutung aufbürdet. Nach dem Buchstaben der Geschichte funktionieren die neuen Rollen (Sängerin statt Priesterin, mafiöser Barbesitzer statt Perlenfischer) in Rainer Holzapfels Regie zwar nicht, wohl aber die Situationen: Von den Tischen des zur „Bizet-Lounge“ umdesignten Saals erlebt man die Dramen unbekannter Gäste mit dem entspannten Interesse des Voyeurs. Dass dieses Interesse wach bleibt, dafür sorgt vor allem Andrew Hannans musikalische Bearbeitung. Er versteht es nicht nur, Bar und Bühne, Tisch und Toilettenvorraum akustisch zu verbinden, sondern auch Gefühlssausbrüche aus coolem Jazz erwachsen zu lassen und Opernchöre in spannenden A-capella-Swing zu verwandeln. Kurz: Wahrheiten über Bizet zu erzählen, die es bisher so nicht zu hören gab. (bis 15. Mai)

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THEATER

Auf der Suche

nach der Terror-Boheme

„Das große Ziel war viel zu weit/ für unsre Träume zu wenig Zeit/ Versuchen wir es wieder/ solang man Träume noch leben kann". Am Ende des Stücks RAF – unplugged von Barbara Weber geleitet eine Münchener-Freiheit-Schnulze aus dem Foyer des HAU 2 . Dort wird die Selbstinszenierung der RAF auseinander genommen (Hallesches Ufer 32, bis 7.April). Die Suche nach der „Urszene des deutschen Terrorismus“ ist ebenso witzig wie differenziert: Philippe Graber gibt einen aktionistisch-coolen Andreas Baader, Susanne Sachsse mimt als Gudrun Ensslin seine Gangsterbraut, Bettina Grahs zeichnet die Entwicklung Ulrike Meinhofs „vom Impressum in die Polizeidienststelle“ nach. An Keyboard, Gitarre, Mikrofon und Laptop sorgt Michael Haves für die passende Musik.Barbara Webers RAF ist eine gewalttätige Hedonisten-Bande, deren Selbststilisierung als Avantgarde sich selbst entlarvt: „Paris, 28 Grad, leichter Nieselregen, die Frisuren sitzen perfekt.“ Unterstützend wirkt das absichtlich plakative Spiel der drei Darsteller. Eine neue Perücke oder Sonnenbrille reicht zur Kennzeichnung der ständig wechselnden Rollen. Am Ende dann die Selbstkritik der Terror-Boheme: „Kein Bezug zur Arbeiterschaft, kein Humor, schlecht geschriebene Manifeste.“ Dem stehen die auflagenstarken Erinnerungsbücher der RAF-Aussteiger gegenüber, denen „das große Ziel viel zu weit“ war. Der temporeiche Abend gibt eine Ahnung davon, warum das so gewesen ist. Jan Oberländer

PERFORMANCE

Auf Fragen

keine rechte Antwort

Frauen werden behandelt wie Töpfe. Sagt Diana El Jaroudi, Künstlerin aus Damaskus. Mehr nimmt man nicht mit aus der „Performancepräsentation“ zum Thema weibliche Identität in arabisch-islamischen Kulturen, dem Abschluss der seit November laufenden Veranstaltungsreihe Maria, Mirjam, Marjam der Staatlichen Museen zu Berlin . Eine schöne Idee, vor der antiken Mschatta-Fassade im Pergamonmuseum über moderne, orientalische Weiblichkeit zu debattieren. Nur schade, dass es keine Antworten gab. Dabei hätten die fünf eigens aus der Wiener Kunsthalle geholten Videoarbeiten Diskussionsstoff genug geboten. Zum Beispiel die in dem Film „The Pot“ behandelte Schwierigkeit syrischer Ehefrauen und Mütter, sich selbst als „Ich“ zu begreifen, oder Lara Baladis Beobachtungen arabischer Klischees in Japan. Vielleicht auch die Tatsache, dass es in den Filmen zwar um weibliche Fremd- und Selbstbilder geht, aber in keinem eine Frau zu sehen ist. So filmt El Jaroudi ihre Interviewpartnerinnen, ohne den Kopf zu zeigen. Wird das Visuelle in der arabischen Welt vom Verbal-Religiösen dominiert? Die Frage klärt sich auch in der Podiumsdiskussion nicht. Filmemacherin Siba Shakib manövriert das achtköpfige Plenum in eine ausweglose Debatte mit ihrer Forderung, dass sich Künstlerinnen mit den Problemen nicht privilegierter Frauen beschäftigen müssten. Der Rest ist Schweigen. Birgit Rieger

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KUNST

Auf Reise

durch Körperlandschaften

Wehrlos und doch entschlossen reckt sie ihre Arme, aufreizend nackt, Gesicht und Brüste von eng anliegendem Stoff verdeckt: als ob sie sich gerade das Hemd über den Kopf zieht. Dennoch bildet Wieland Förste rs „Große Neeberger Figur“ von 1971/74 keine Alltagsszene ab. Die über drei Meter hohe Bronzeskulptur besitzt eine Spannung, die Walter Jens bewundernd „Dialektik von Passion und Erotik“ genannt hat. Den DDR-Kulturfunktionären erschienen die Werke des Dresdner Bildhauers hingegen zu skeptisch, zu metaphorisch, zu weit vom „sozialistischen Menschenbild“ entfernt. Die „Große Neebergerin“ stand unter Pornografieverdacht. Zu seinem 75. Geburtstag hat der in Berlin lebende Künstler den Dresdner Kunstsammlungen 58 Skulpturen gestiftet, die im Albertinum wegen Bauarbeiten nicht gezeigt werden können. Eingesprungen ist das Georg Kolbe Museum , das zwei Drittel der Stiftung mit Zeichnungen kombiniert (bis 1. 5.). Neben Hauptwerken wie dem „Großen Schreitenden Mann“ (1969) bestehen auch die späten Bronzen. In mehreren Versionen der Nymphe „Daphne“ zeigt Förster, was er unter „Verlandschaftung des Körpers“ versteht. Mit zerklüfteten Oberflächen, geologischen Strukturen, fragmentarischen Ausschnitten brillieren auch die Zeichnungen. Michael Zajonz

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