Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Im

Hexenkessel

Frank Peter Zimmermann ist dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin immer eine Spur voraus. Der rastlose, spielwütige Geiger stampft mit den Füßen auf, legt sich in die Kurve, jagt die Töne vor sich her, treibt die Musiker an. Manchmal scheint es, als höre der 39-Jährige seiner Violine, einer Stradivari aus dem Jahr 1711, atemlos staunend hinterher. Aber meistens spielt er, bei Prokofjews 2. Violinkonzert g-moll und Benjamin Brittens selten aufgeführtem Violinkonzert op. 15, volles Risiko und ist selbst der Dompteur, der dem teuflisch wilden Saitentier in seinen Händen voll Ungeduld zuruft: Los, mach schon, zeig, was du kannst!

Violinkonzerte sind ja eigentlich Liederabende. Kein anderes Instrument kann so leidenschaftlich singen, melodienselig, weltvergessen. Der Gesang kommt auch nicht zu kurz in der Serie mit Violinkonzerten der 1930er Jahre, die Zimmermann mit dem RSB unter Leitung von Marek Janowski im Berliner Konzerthaus veranstaltet. Eröffnet wurde sie Anfang März mit Strawinsky und Bartók, zum Abschluss erklingen am 1. Mai Hindemith und Alban Berg, eine frühe Beethoven-Sinfonie ergänzt jeweils das Programm.

Am Sonnabend nun also Prokofjew, Britten und dazwischen Beethovens Zweite, bei deren Finalsatz auch Janowski endlich energische Angriffslust an den Tag legt. Prokofjew ist da eher der innere Emigrant, der 1935, mitten in der Ära der stalinistischen „Säuberungen“, unendliche Melodiebögen spannt, in einem mal südländisch temperamentvollen, mal heiter-melancholischen Pastiche, dessen elfenspukhaften zweiten Satz man sich noch ein wenig zarter, hingetupfter gewünscht hätte. Dem politisch expliziten Britten ist das Singen dagegen vergangen. Den spanischen Bürgerkrieg lässt er in eiligen Marschrhythmen anklingen. Zwischen schroffen Trompetenfanfaren und zu Herzen gehenden Fortissimo-Dissonanzen irrt die Sologeige umher, versteigt sich zu aberwitzigen Spitzentönen und stürzt in Kaskaden über mehrere Oktaven haltlos in den Abgrund.

In Brittens deformierter Melodik artikuliert sich eine traumatisierte Zivilisation: Trümmermusik, Schockmoment, Totentanz, rasender Stillstand. Spätestens bei den trotzig-verzweifelten Tonrepetitionen, die Zimmermanns Bogen den Stradivari-Saiten entreißt, ist das Orchester, das er bei Prokofjew noch im Schlepptau hinter sich herzog, ganz auf seiner Seite. Auf die Dauer kann sich keiner, der in seiner Nähe musiziert, dem Temperament dieses Ausnahmegeigers entziehen.

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