Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

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Zunächst verwundert die Öffentlichkeitspflege der Berliner Lindenoper. Da gibt es ein Konzert der Staatska pelle mit einer Programmänderung, weil Christine Schäfer erkrankt ist. Immerhin heißt der Tausch Wagner gegen Aribert Reimanns „Infinite Infinity“. Ein Zettel im Programmheft teilt mit, dass Deborah Polaski den Schluss der „Götterdämmerung“ singt. Die Plakate am Konzerthaus aber wissen nichts von dem Wechsel. Polaski wird für ihren Gesang, den sie souverän aus der Ruhe und ihrer tiefen Vertrautheit mit der Musik entfaltet, verehrungsvoll gefeiert. Sie lässt sich durch die Akustik auf offener Bühne nicht von ihren dynamischen Vorstellungen ableiten, umgibt den Göttermythos mit viel Pianissimo und traut sich zum Ende an die stimmlichen Grenzen. Nun trifft es sich gut, dass Bruckners Dritte auf dem Programm steht, das dem Bayreuther Meister gewidmete Werk, „wo die Trompete das Thema beginnt“ (Bruckner an Wagner). Gerade diese Stelle kommt nur schwach heraus, weil Michael Boder ein Verteidiger der Nebenstimmen ist. Das entspricht dem Wunschdirigenten zeitgenössischer Komponisten, der indes längst auch im 19. Jahrhundert zu Hause ist. Sein dramaturgisches Denken bewirkt, dass in den vielen Generalpausen die Themenkomplexe schön zusammen- schwingen.

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POP

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Eine Zeitreise in der Arena Treptow : Es gibt Musik von Genesis zu hören. Genesis, ist das nicht weich gespülter Kommerzpop? Langsam, diese britischste aller Bands trat 1970 an, um profiliertesten „Progressive Rock“ zu machen. Es war eine experimentierfreudige Zeit, statt simpler Drei-Minuten-Songs entwickelte man lange, komplexe Formen, nicht selten klassisch inspiriert. Dann kam der Umbruch. Esoterische Themen und hohlen Klangbombast warf man den gefeierten Gruppen vor. Seitdem hat so ziemlich jeder Musikstil der letzten 40 Jahre ein Revival erlebt – nur der Progressive Rock blieb als entartet ausgespart.

Doch fünf junge Australier beschlossen 1993, ihn wieder auferstehen zu lassen, und gründeten das Projekt The Musical Box , benannt nach dem gleichnamigen Genesis-Klassiker. Damit wagen sie sich jetzt an das ambitionierteste Konzeptalbum der klassischen Genesis-Ära: „The Lamb lies down on Broadway“. In einer Suite aus zwölf Nummern beschrieb Genesis 1974 die Geschichte von Real, einem in New York gestrandeten Puertoricaner. Das Resultat ist perfekt. Natürlich ist ein Sänger wie Peter Gabriel nicht exakt kopierbar. Aber Denis Gagné überzeugt schon bei der ersten Ansage mit jener charmanten Mischung aus Englisch und Deutsch, die man zuletzt auch von Gabriel selbst in der Columbiahalle hören konnte. Und was wird nun aus dem Progressive Rock? Die Idee, Rockmusik mit komplexen musikalischen Strukturen zu verbinden, ist nicht tot zu kriegen. Und Genesis hören wir bald auf Festivals für Alte Musik. Ulrich Pollmann

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