Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Den inneren

Schweinehund bekämpfen

Lampenfieber kann ja oft produktiv sein, kann helfen, den inneren Schweinehund zu überwinden, die Flucht nach vorn anzutreten, den Schleier des Gewöhnlichen zu zerreißen. Ivan Fischer war sehr nervös, als er in der Philharmonie vor das Deutsche Symphonie Orchester Berlin trat – sei es, dass ihn die allzu bekannten Stücke schreckten (Beethovens Erste, Mahlers Fünfte), sei es, dass der Druck, sich mit diesem Auftritt als ein möglicher Nachfolger für Kent Nagano beim DSO ins Gespräch zu bringen, zu groß war.

Fischer jedenfalls (der in seiner exaltierten Schlagtechnik ohnehin halb an Solti, halb an Harnoncourt erinnert) stürzte sich wie besessen auf jede noch so harmlose, kleine, beiläufige Note, modulierte mit dem ganzen Körper vor, was ihm sein inneres Ohr erzählte – und verlor bisweilen den musikalischen Überblick. Letztlich dirigiert der wenig charismatisch wirkende Ungar einzelne Stimmen, aber kein Orchester, formt er Phrasen, aber keine ganzen Sätze. Bei Beethoven führte dies dazu, dass es in den schnellen Sätzen mächtig klapperte (gerade in den ersten Geigen), und dass die langsamen fast erstarben, jeden Puls, jedes Drängen vermissen ließen. Mahler hingegen, der geniale Effekthascher, gelang besser, überzeugte gerade im Blech (ein Lob dem Solo-Trompeter Falk Maertens!), außerdem durch Laszivitäten im zweiten Satz und ein lustvoll-balkaneskes Scherzo. Das – eher zu Unrecht – berühmte Adagietto geriet schön, aber nicht mehr, dem Finale fehlten Durchsichtigkeit und letzter Biss.

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THEATER

Den Feind

in sich finden

Nicht zum ersten Mal wird die Geschichte von zwei Menschen erzählt, die ihre Unterschiede auf die Probe stellen. Cherry Docs von David Gow berichtet über die Vorbereitung auf einen Prozess – der jüdische Anwalt Danny Dunkelmann versucht, für den des Totschlags angeklagten Skinhead Mike Downey eine Möglichkeit der Verteidigung zu finden. Bei dem Treffen der beiden Männer im Besuchszimmer des Gefängnisses geht es um Sieg oder Niederlage. Ihr Kampf birgt Lektionen über das Leben. Er verändert beide. Denn der kanadische Autor will mit der Annäherung seiner Helden nicht auf die pädagogische Preisgabe von Identität hinaus, sondern die Verteidigung menschlicher Würde. Für die Vaganten hat Andreas Schmidt eine Inszenierung geschaffen, die durch Klarheit besticht, schon im Bühnenbild von Anja Wegener, das Verhörzimmer und Zelle verbindet. Nikolaus Szentmiklosi als kahlköpfiger Skinhead ist ein Ereignis – eine unverblümt potente Festigkeit paart sich mit mit einer irritierenden Ironie. Gezeigt wird ein junger Mann, der seinen Lebensentwurf verteidigt und durch den Verteidiger ins Grübeln gerät. Winkelvoss offenbart die Gelassenheit und auch die durch aufbrechenden Hass gefährdete Liberalität des Anwalts – wer wem hilft, ist bald nicht mehr zu unterscheiden ( wieder am 27. bis 30. April). Christoph Funke

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KUNST

Die Ödnis

überwinden

Hochhäuser sind die Kirchtürme der Moderne. Kann es da Zufall sein, dass Daniela Brahm ihren zweistöckigen Turm in einer ehemaligen Krankenhauskapelle im Künstlerhaus Bethanien (Mariannenplatz 2, bis 17.4.; Galerie Barbara Thumm, Dircksenstr. 41, bis 23.4.) errichtet hat? Allerdings ähnelt diese Installation aus Metallgerüst und Sperrholzplatten kaum an einem Häuserturm, obwohl dies der Titel weismachen will, denn „Highrise“ bedeutet „Hochhaus“. Daniela Brahm ist Malerin. An den Turmwänden lässt sie wässrige Farbstriemen wie Rapunzelzöpfe herablaufen. Dazwischen versammelt die 38-Jährige Bilderserien der vergangenen Jahre, als wäre es eine verfrühte Retrospektive. Darunter befinden sich schöne Einzelstücke, etwa die zeichenhaft gemalten Bungalows. Gebäude sind ihr Thema, auch in Fotoserien, in denen sie öde Wohntürme der englischen Provinz dokumentiert. Allein Graffitis erinnern daran, dass hier Menschen wohnen. Phrasen drischt auch die Künstlerin, gemalt an die Ausstellungswand. Da stehen grüblerische Wort-Bilder aus Begriffen wie „unentschlossen“ und „halsstarrig“ oder schwungvoll gepinselt Harmoniewörter wie „Togetherness“ und „Responsibility“. Dazwischen hängen Porträts lächelnder Menschen. Viele Bilder, viele Wörter, mit denen Daniela Brahm unterm Strich wenig erzählt. Jens Hinrichse n

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