Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Oberländer

POP

Rock ist

eine Pose

„Endlich Berlin!“ In der Arena Treptow beschließen Tocotronic die Tour zu ihrem Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Mit einem rasanten „Aber hier leben, nein Danke“ wirft das Quartett einen mächtigen Rockmotor an. Sänger Dirk von Lowtzow ist nach 27 Konzerten in vier Wochen heiser, aber gerade diese raue Stimme gibt dem Abend einen schroffen, metallischen Beiklang. Die Selbstinszenierung der Band ist von Beginn an überironisch flamboyant: Bombastische Einmarschmusik paukt die vier Hamburger auf die von hinten angestrahlte Bühne, es gibt pathetische Ansagen von einem Conferencier in weißem Smoking und Fliege. Musikalisch aber ist alles echt und direkt. Die Gitarren Lowtzows und des Neumitglieds Rick McPhail sind breit und knurrig, Jan Müller legt ein fettes Bassfundament, und Arne Zanks Snaredrum zielt direkt in die Brustkörbe der 3000 Zuschauer. So spielen sich Tocotronic quer durch ihre mittlerweile über zehnjährige Bandgeschichte, mit alten Hits wie „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ und neuen Kunststücken wie „Mein Prinz“.

Die Stimmung ist grandios: brodelnde Menge, gereckte Fäuste, frenetischer Applaus. Im ersten Zugabenblock singen Hunderte mit, der zweite beendet das Konzert mit einer irren Feedback-Orgie: heiseres Gebrüll und Gitarrenmisshandlung im zuckenden Stroboskoplicht, haarschüttelnde Schemen. Die große Rockstarpose.

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SKULPTUR

Schwer hat es

die Muse

Sie knien, hocken oder sitzen. Sie kriechen auf allen Vieren, spreizen sich in ungewohnten Posen und scheinen doch ganz bei sich zu sein. Manche fliegen sogar. Der Bildhauer Georg Kolbe erforschte in den Zwanzigerjahren in Kleinplastiken, die er in Ton oder Gips modellierte und danach in Bronze gießen ließ, alle möglichen und einige unmögliche weibliche Körperhaltungen. Dabei ging er bis an die Grenzen des technisch Machbaren und des „Schicklichen“. Seine Bewegungsstudien erweitern das klassische Bildhauerthema des weiblichen Akts ins ganz und gar Zeitgenössische. Zwei Dutzend seiner Bronzen und ebenso viele Zeichnungen stellt das Berliner Georg Kolbe Museum nun als künstlerischen Ausdruck eines neuen Körpergefühls vor (Sensburger Allee 25, bis 1.Mai, Katalogheft 3 €).

Was heute selbstverständlich aussieht, war damals schwer zu verwirklichen und kaum verkäuflich. Professionelle Aktmodelle kamen für Kolbe nicht in Frage, da sie sich einstudierter Posen bedienten. Der geübte Zeichner holte sich Anregungen bei berühmten Tänzerinnen und engagierte Künstlerkolleginnen zum Modellstehen. Die Grafikerin Gerda Rothermund erinnert sich, wie sie vierzehn Tage lang täglich zwei Stunden in kauernder Haltung zubringen musste. Kolbes beschwingten Figürchen sieht man diese Mühsal nicht an. Michael Zajonz

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KARIKATUR

Überall ist

Sossenheim

Chlodwig Poth wusste, dass man die bundesdeutsche Wirklichkeit vor allem in der Provinz findet – zum Beispiel in Sossenheim bei Frankfurt. Und so verhalf der Karikaturist und Titanic-Mitbegründer, der 2004 im Alter von 74 Jahren starb, seinem Wohnort zu bundesweiter Bekanntheit. Die Bilderserie „Last Exit Sossenheim“, von der 100 Arbeiten jetzt im Berliner Willy-Brandt-Haus gezeigt werden („Poth für die Welt“, Stresemannstr. 28, Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderlich), erschien jahrelang in großen deutschen Zeitungen und Zeitschriften.

Poth verstand es, mit seiner Strichtechnik die Gefühlslage der Menschen in der Provinz genau zu erfassen – liebevoll und einfühlsam, witzig, aber nie gehässig. Der „Zille unserer Zeit“ hatte großes Verständnis für das, was die Menschen bewegte, für ihre Probleme und Träume. Mit Vorliebe zeichnete er seine Figuren in einer für kleine Ortschaften charakteristischen Kommunikationssituation: in Unterhaltungen am Straßenrand. Es geht, je nach Alter, um Renten und um Sterben, um Sex, Fußball, oder auch um den Zusammenhang davon, etwa wenn ein Autofahrer hektisch nach Hause rast und klagt: „Ich hab ihr versprochen, dass ich sie heute vögele, und dabei nicht an das Länderspiel gedacht“ – und das im besten hessischen Akzent. Wobei Sossenheim für Poth immer nur ein Symbol war; die Provinz ist überall. Dass er auch ein großstädtischer Mensch war, zeigt er in seinen so genannten „Stadtschaften“: ruhige, unkommentierte und meist menschenleere Ansichten von Paris, Berlin, Wien oder Amsterdam. „Kunst war für ihn ein Abenteuer“, sagt seine Frau Anna Poth, „und dabei war er der fleißigste Mensch. Von sieben Uhr bis nach Mitternacht zeichnete er, ohne Sonntag, ohne Feiertag. Nur so bringt man es zu etwas.“ Udo Badelt

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