Kultur : KURZ & KRITISCH

Hans von Seggern

POP

Rollende

Steine

Mit der Untermalung stimmungsvoller Hochzeiten verdienen sich ungezählte Musiker ihr täglich Brot. Hier aber kommt einer, der bewirbt sich für stimmungsvolle Scheidungen: „Schön, schön, schön, aber nu isses gut“, lautet Stefan Gwildis deutsche Version des Aretha- Franklin-Klassikers „Chain of fools“. Wer das rüberbringt, ohne ausgebuht zu werden, ist schon mal gut. Im RBB-Sendesaal lässt Gwildis seine Fans wissen, dass er als Kind in einem Laufgatter „gehalten“ wurde. Schon hinter den „tausend Stäben“ seines Kinderkerkers lernte er die ersten Soul-Hits kennen – und die innere Verwandtschaft dieses Genres mit dem Blues.

Früh entschied sich also, dass Gwildis eines Tages Soul singen würde. Und zwar auf deutsch. War im Temptations-Hit „Papa“ ein „rolling stone“, der am „third of september“ starb, so wird daraus bei Gwildis der 9. November: „Papa will hier nicht mehr wohn’n. Es weiß alles, über alle und jeden, das war seine Funktion.“ Und aus Diana Ross’ „Ain’t no mountain high enough“ wird eine Hymne auf die Flutgeschädigten in Sachsen und anderswo: „Wir haben noch jeden Berg geschafft. Hand in Hand, mit ganzer Kraft. Mit Feuer und voll Leidenschaft. Was braucht man mehr dazu.“ Mit mächtigem Druck präsentiert all dies die zwölfköpfige Band des Joe Cocker aus Hamburg. „Nur hier zu Haus, gibt’s dieses wunderschöne Grau“: Die Begeisterung des Publikums entschädigt Gwildis für den verlorenen Grand-Prix-Vorentscheid und qualifiziert ihn für Stimmungsvolles weit über Blankenese und Barmbeck hinaus.

ARCHITEKTUR 1

Weiße

Kuben

Zwei Luxushäuser der Moderne entstanden in den zwanziger Jahren auf dem Gebiet Böhmens und Mährens: das Haus Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe in Brünn und die Villa Müller von Adolf Loos in Prag. Bei beiden Bauten handelt es sich um Inkunabeln der Moderne, weiße Kuben, die nicht zuletzt durch ihre kostbare Ausstattung faszinieren. Wertvolle Naturstein- und Holzverkleidungen fügen sich bei der Villa Müller zu einem besonderen Gesamtkunstwerk. Für den Wiener Architekten Adolf Loos (1870-1933), der als einer der bedeutendsten Architekten und Ideengeber der Klassischen Moderne gilt, nahm die Villa Müller einen extraordinären Platz in seinem Werk ein. Galt sie ihm doch als jenes Bauwerk, bei dem er seine komplexe Grundrissgestaltung, den legendären „Raumplan“, am vollkommensten verwirklichen konnte.

Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung wurde das Haus 1995 zum Nationalen Kulturdenkmal erklärt und dient heute als Museum. Eine Ausstellung im Tschechischen Zentrum (Friedrichstraße 206, bis 22. April, Katalog 7 Euro) macht jetzt mit der Geschichte des 1929/30 errichteten Wohnhauses und seiner aufwändigen Restaurierung in den Jahren 1997 bis 2000 aufs Beste vertraut. Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR 2

Große

Moscheen

Eine fast magisch anmutende Faszination zeichnet die Projekte von Rasem Badran aus, der zu den führenden arabischen Architekten der Gegenwart zählt. Zusammen mit Arbeiten seiner Familiemitglieder wird sein Werk derzeit in einer Doppelausstellung in Berlin vorgestellt (ifa Galerie, Linienstraße 139/140, bis 29. Mai; Lichthof des Auswärtigen Amtes, bis 1. Mai; Katalog 9 €) . Wie der Traum von einer Stadt präsentiert sich etwa sein Jabal-Omar Projekt, das der 1945 geborene Badran für den Stadtrand Al-Haram bei Mekka entwickelt hat. Steinerne Türme und hohe Bogenstellungen verleihen dem Entwurf seine märchenhafte Note, die durch Badrans ausdrucksstarke Zeichnungen zugleich eine hohe Unmittelbarkeit besitzt.

In Jerusalem geboren und im palästinensischen Ramallah aufgewachsen, studierte Rasem Badran von 1964 bis 1970 in Deutschland Architektur. 1973 machte sich der Sohn eines Kalligraphen und Restaurators in Amman/Jordanien als Architekt selbständig. Den internationalen Durchbruch brachte ihm sein Entwurf für die Große Moschee in Bagdad (1980). Das Motiv von additiv aus Kuben zusammengefügten Baukörpern zieht sich als Leitmotiv durch seine Arbeiten, so auch bei Stadtstrukturen wie der Wohnanlage Fuhais (1982) in Jordanien mit ihrem dichten Geflecht aus hellen Rechtecken. Bewusst verbindet Badran regionale Traditionen mit einer modernen Architektursprache, wie im Fall des Justizpalastes und der Großen Moschee in der saudiarabischen Hauptstadt Riad von 1984 respektive 1992. Jürgen Tietz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben