Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Herrliche

Überbleibsel

„Hätte auch dieser große Meister der Tonkunst nicht so viele vollendete Werke in jedem ihrer Fächer geliefert, so würden diese herrlichen Überbleibsel allein ein hinreichendes Monument seines unerschöpflichen Geistes sein.“ Gewiss, Constanze Mozart war nicht ganz unbefangen, als sie im März 1800 dem Leipziger Verlagshaus Breitkopf und Härtel einige Kompositions-Fragmente anbot, die sich im Nachlass ihres Wolfgang Amadeus gefunden hatten. Dass sie mit ihrem Urteil aber keineswegs falsch lag, bewies der RIAS-Kammerchor unter Daniel Reuss im Konzerthaus mit einem Mozart-Raritäten-Programm.

Da ist die Schauspielmusik zu „Thamos, König in Ägypten“, einem durchgefallenen Drama, aus dem ein findiger Zeitgenosse Teile rettete, indem er sie mit lateinischem Text versah und der Kirche als „geistliche Hymnen“ unterjubelte. In Wahrheit handelt es sich um herrlich suggestive Bühnenmusik. Genau das Richtige für die inspiriert aufspielende Akademie für Alte Musik . Absolut auf der Höhe zeigt sich Mozart auch in der 1776 komponierten Palmsonntags-Kantate KV 243: geschickt gespickt mit kleinen Tonsetzer- Sünden, um den ungeliebten Arbeitgeber, Graf Colloredo, zu ärgern. Die RIAS-Profis beeindrucken durch einen vollendet gerundeten Mischklang, zeigen sich mal als Rokoko-Engelschor, mal als himmlische Heerscharen. Und Carolyn Sampson an der Spitze des Solistenquartetts lässt ihren Sonnensopran aufstrahlen: Herzen erwärmend.

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LITERATUR

Gefährliche

Nachbarschaft

Nichts Bemerkenswertes geschieht an jenem Sommertag in der kleinen Straße einer englischen Stadt. Und doch ist am Ende, nach dem Regen, vieles anders. Allen Bewohnern der identischen Reihenhäuser mit den so unterschiedlichen Schicksalen ist eine Rolle zugewiesen in einem unausweichlichen Geschehen. Dem alten Liebespaar aus der Nummer 20, den Studenten aus der 23, dem trauernden Vater mit seiner kleinen Tochter, der Großfamilie aus der 19, oder dem jungen Mann aus dem Obergeschoss der Nummer 18. Vor allem ihm, dem Schüchternen, der alle beobachtet, aber niemanden kennt. Das begreift die sensible Beobachterin, die junge Frau aus der 22 erst spät, viel zu spät.

Mit einer für den Leser fast schmerzhaften Akribie zeichnet Jon McGregor in seinem preisgekrönten Romandebüt „Nach dem Regen“ (Klett-Cotta, Stuttgart 2004. 304 Seiten, 19,50 €) die Menschen wie unter einem Vergrößerungsglas. Dennoch werden ihre Geheimnisse, ihre Leiden fast verschämt und nur im Nebensatz berührt. Was die Menschen reden, wie sie kommunizieren, bleibt oberflächlich und bedeutungsleer, und besonders hilflos sind die Akteure für die wirklich bemerkenswerten Vorgänge. Für die Beobachterin bleibt das quälende Ereignis, an das sie drei Jahre später auf unerwartete Weise erinnert wird, bleiben die Zeichen einer unverständlichen Welt, in der sie plötzlich erwachsen geworden ist. Dazu gehört die Trauer über unwiederbringliche Gelegenheiten und auch die Erfahrung des Scheiterns. Gerd Nowakowski

DENKMALPFLEGE

Tapfere

Selbsthilfe

Die Denkmalpflege lebt seit jeher vom bürgerschaftlichen Engagement. Je dünner Personaldecke und Finanzmittel in den Denkmalämtern werden, desto stärker ist private Initiative gefragt. In Thüringen stellte das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz daher Beispiele für erfolgreiches Engagement von Privatleuten vor. Und das kann bedeuten, selbst erhebliche finanzielle Risiken für „sein“ Denkmal zu schultern, statt sie auf öffentliche Kassen abzuwälzen. Etwa in Zeigerheim: Dort wurde die Dachsanierung der Dorfkirche – ein mittelalterliches Kleinod mit wunderbarem spätgotischem Flügelaltar – durch einen Kredit vom Förderverein finanziert. Und auch die Restaurierung eines barocken Hofes in Röblitz bedeutete für dessen Eigentümer neben viel eigener Arbeit und Leidenschaft erhebliche Kosten.Trotz der guten Beispiele ist die Grenze des finanziellen Engagements schnell erreicht. Wer kann schon Kosten in Millionenhöhe aufbringen? Doch selbst dann bleibt privates Denkmalengagement gefragt, wie Schloss Ettersburg bei Weimar zeigt. Dort sorgt ein engagierter Förderverein dafür, dass das baufällige Denkmal etappenweise gesichert, vor allem aber regelmäßig durch Veranstaltungen bespielt wird, um nicht dem Vergessen anheim zu fallen. Denkmalpflege ist schließlich Erinnerungsarbeit. Jürgen Tietz

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ARCHITEKTUR

Aufbruch zu neuen

Museumsufern

Nur eine Schau studentischer Architekturentwürfe , und doch drängten sich bei der Vernissage der Ausstellung Museumsinsel auf Landgang im Pergamonmuseum (bis 22. Mai, Katalog 9,80 €) die Besucher. Die beiden Gastgeber Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, und Florian Mausbach, Präsident des Bundesamtes für Bauwesen, dürfte dies nicht verwundert haben: Die Erweiterung der Museumsinsel ist ein neuralgisches Thema, zumal sich daraus wie im Domino-Effekt die Veränderungen an allen anderen Standorten – Kulturforum und Dahlem – ergeben. Insgesamt 38 Architekturstudenten der Universität von Texas in Austin und der Harvard Design School Cambridge (beide USA) sowie der Technischen Universität Dresden haben gedanklich ans andere Ufer, auf das Gelände der ehemaligen Friedrich-Engels-Kaserne vis-à-vis des Bodemuseums übergesetzt und hier Museumshöfe entstehen lassen. Auf 21500 Quadratmetern, knapp ein Drittel der Größe der Museumsinsel, schufen sie Luftschlösser, kühne Bauten für Verwaltung, Werkstätten, Bibliotheken, einen Erweiterungskomplex für die Gemäldegalerie, die Schuster in seinem Masterplan komplett vom Kulturforum in Richtung Museumsinsel transferieren will.„In Anwesenheit von Direktor Lindemann zögere ich allerdings, das noch weiter zu definieren,“ spielte er auf die schwelenden Spannungen an. Die studentischen Entwürfe – je weiter entfernt sie entstanden, desto mutiger präsentierten sie sich – geben der Fantasie einen Freifahrtschein. Schon im September wird es ernster, wenn die Ergebnisse des städtebaulichen Ideenwettbewerbs präsentiert werden. Nicola Kuhn

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