Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Herrliche

Höhepunkte

Der Abend gehört dem Rundfunkchor Ber lin . Er singt von der Herrlichkeit des Paradieses, und in den Stimmen ist paradiesischer Glanz. Das Programm, zu dem das Rundfunk-Sinfonieorchester mit seinem einfühlsamen Dirigenten Marek Ja nowski in die Philharmonie geladen hat, führt in attraktiver Beziehung zwei Vertonungen des „Stabat mater“ zusammen: die erste von Rossini, die zweite von Verdi, wie sie innerhalb der „Quattro pezzi sacri“ des 80-jährigen Komponisten steht. Ein umbrischer Mönch hat im 13. Jahrhundert seine „Stabat“-Sequenz über die schmerzensreiche Gottesmutter gedichtet. Gewissermaßen im Schneeballsystem gelangte sie zu größter Beliebtheit, um sich in die Musikgeschichte von Josquin bis Dvorák einzuschreiben.

Rossini kleidet das „Amen“ in den Versuch einer Fuge, Tribut an die Kirchenmusik, während es bei Verdi beinahe tonlos verhallt. Beiden Werken ist gemeinsam, dass sie ihre Herkunft von der italienischen Oper nicht verleugnen. Rossini erscheint sorgloser in seiner Melodik, der Arie für einen Strahletenor etwa, die von Wehklage handelt und mit einer Kadenz triumphiert: Bis zu dem heikel verrutschten Höhepunkt begeistert Charles Workman. Ebenso fasziniert Iris Vermillion in ihrer Alt-Arie „Fac ut portem Christi mortem“ wie Reinhard Hagen in den Kantilenen des Solobasses. Die „Pezzi sacri“ enthalten zwei A-cappella-Stücke, „Ave Maria“ und „Vergine madre“, formvollendete Marienbilder, meisterhaft gesungen. Und zum krönenden Abschluss das Tedeum mit gregorianischer Intonation, Pauken und Trompeten: In seinem geistlichen Epilog lebt der ganze Verdi.

PUNK

Hüpf! Wackel!

Kreisch!

Jetzt sind die Frauen dran. Und da stehen sie auch schon auf der Bühne – das Trio Le Tigre aus New York hält auch nach dem Abklingen der Riot-Grrrl-Bewegung das Fähnchen des rebellischen Furors hoch. Und feuert renitent feministische Slogans ab, als hätte irgendjemand im Ernst etwas gegen starke Frauen in der Popmusik. Auch nach sechs Jahren sind sie immer noch wütend, wobei sich ihre Kritik an einer dominanten Männerwelt mittlerweile auf George W. Bush konzentriert. „You make me sick, sick, sick, sick!“ schreien sie im hochenergetischen Punkfeger „Seconds“ dem US-Präsidenten entgegen und unterstreichen ihr Engagement in der Anti-Irakkriegs-Bewegung mit eigens aufgenommenen Tonaufnahmen bei einer Anti-Bush-Demo im Song „New Kicks“.

Beide Songs finden sich auf dem Major-Label-Debut „This Island“, das sie zum Abschluss der Europatournee im ausverkauften Maria präsentieren. Im Mittelpunkt steht noch immer Kathleen Hanna, die sich als Brüllerfrau der Riot-Grrrl-Band „Bikini Kill“ vom kratzbürstigen Punkrock zum selbstbestimmten NewWave-Feminismus durchgearbeitet hat. Vieles bei Le Tigre erinnert an die Slits, X-Ray-Spex oder Au Pairs. Aber auch die Shang-ri Las und Public Enemy kommen einem in den Sinn, wenn sie ihren Bubblegum-Charme mit Sequenzer-Beats, Schrabbel-Rock-Gitarre und durchs Megafon gebrüllte Parolen verbinden. Die Mischung aus musikalischem Kalkül und politischer Agitation, inszeniert als Hüpf-Wackel-Kreisch-Ereignis, gewährt Einblick in die psychologische Verfassung der lesbian community. „Smells like female“, sehr gut so. Volker Lüke

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