Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Bete

und baue!

Le Corbusier antwortete auf die Frage, ob es ihm beim Bau der Wallfahrtskapelle in Ronchamp geholfen habe, ein guter Christ zu sein: „Entscheidend war der Glaube an die Architektur.“ Seine Beton-Arche über den Vogesen ist auch bei den Gläubigen beliebt. Die demütigen Betscheunen der Nachkriegszeit oder die formlosen Gemeindezentren der Siebzigerjahre, die in Deutschland vielerorts das Bild prägen, haben es da schwerer. Was heißt es also, ein modernes Gotteshaus zu bauen, das über seine bloße Zweckdienlichkeit hinausweist? Angeli Sachs, Kuratorin der Ausstellung „Bauen! Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur“, lud zur Podiumsdiskussion im Jüdischen Museum . Ihr Thema: zeitgenössische Sakralbauten für Christen, Juden und Muslime in Deutschland. Der ungebrochene Glaube an die Architektur bestimmte auch diesen Abend. Dabei rissen die Architekturkritiker Wolfgang Jean Stock und Roman Hollenstein, die Kunsthistorikerin Sabine Kraft und Wolfgang Lorch, Architekt der Ende 2001 eröffneten neuen Dresdner Synagoge, die gesellschaftlichen Hintergründe des seit 15 Jahren ausgerufenen Kirchen- und Synagogen-Baubooms wenigstens an. Es bleibt ein Wahrnehmungsproblem, nicht nur in der Architektenszene: Auf die wenigen konsequent modernen Kirchen- und Synagogen-Neubauten in München, Dresden, Duisburg oder Berlin wird gebetsmühlenartig verwiesen, weil sie auch politisch gewollt sind. Ähnlich ambitiöse, jedoch architektonisch stockkonservative Moscheen lösen außerhalb der muslimischen Gemeinden Desinteresse aus.

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THEATER

Schatz,

bleib munter!

Über die Frage, „wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ , hat Raymond Carver ausgiebig nachgedacht. In seiner gleichnamigen Erzählung kam der Amerikaner zu dem Ergebnis, dass jeder von etwas anderem und niemand von etwas Gutem spricht. Die beiden Paare um die Vierzig, die sich zum Gin-Besäufnis treffen, nennen sich „Schatz“, korrigieren einander oberlehrerhaft beim Fremdwortgebrauch und sehen die Abgründe, in denen sie leben, nur deshalb nicht, weil genügend Anti-Depressiva im Haus sind.

In diesen Abgründen hat die Schweizer Autorin Sabine Harbeke lustvoll gewildert. Ihr Stück Nur noch heute in den Sophiensaelen (bis Sonntag, 20 Uhr) führt von Carvers Kurzgeschichten inspirierte Paarkonstellationen vor: Während das Besäufnis in einer Pool-Partyorgie festfriert, stehen Mary und Robert in Plastikmänteln vor ihrem Ferienbungalow und rezitieren leblose Alltagsdialoge. Zwischendurch wirft sich ein fettsüchtiger Mann vor seiner Ex-Gattin auf die Knie und braucht lange, bis er wieder auf seinen venezianisch beschuhten Füßen steht. Wobei die 30-jährige Regisseurin Barbara-David Brüesch der Versuchung zum Klischee stilsicher widersteht. Ihre für die Berliner Off-Szene konventionelle Inszenierung – ein Gastspiel vom Zürcher Theaterhaus Gessnerallee – überzeugt durch szenische Genauigkeit, schauspielerische Klasse und Detailliebe bis ins letzte Requisit. Christine Wahl

KLASSIK

Lass

Hüte fliegen!

Der Schubert-Zyklus von Nikolaus Harnoncourt und den Berliner Philharmonikern hat bislang vor allem freundliches Schulterzucken ausgelöst. Langsam ging es zu, bisweilen so langsam, dass der geneigte Zuhörer glaubte, dem Aufblühen der Holzbläsertöne zusehen zu können. Immer wieder schön war es schon, von Moment zu Moment, ohne allerdings die mitreißende psychologische Schärfe zu gewinnen, die Harnoncourt einst so genau aus Schuberts Sinfonien herausgemeißelt hatte.

Mit dem aktuellen Konzertprogramm (noch einmal heute, 20 Uhr) aus zweiter Sinfonie und fünfter Messe versuchen Dirigent und Musiker jetzt einen kraftvollen Ausbruch aus der Sackgasse des Schönklangs. Druckvoll und dramatisch, mit einem furiosen Wechselspiel zwischen harmonischer Süße und herben Schattenlinien spielen sich die Philharmoniker in ein furioses Wiener Brio hinein. Gemütlichkeit gibt es hier nicht mehr, denn ein Sturm zieht auf am Horizont – und dem Biedermeier fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Das Weltende blitzt auf im Idyllischen, mit jeder Wiederholung wächst der Bach zu einem reißenden Strom an. In Schuberts fünfter Messe setzt Harnoncourt auf einen steinigen Weg zu Gott, der über klaffende Abgründe der Dynamik hinweg zum finalen „Dona nobis pacem“ führt. Der großartig aufgelegte Rundfunkchor folgt dieser dramatischen Lesart mit Hingabe – ebenso das stimmig besetzte Solistenquartett mit Luba Orgonasova, Birgit Remmert, Kurt Streit und Christian Gerhaher. Und das Schulterzucken weicht einer Gänsehaut. Ulrich Amling

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OPER

Gattin,

fahr zur Hölle!

In Deutschland wird Serge Rachmaninoff (1873-1943) bis heute belächelt. Zu traditionell und effektverliebt sei seine Musik, „gefühlvolle Jauche“, wie Richard Strauss es ausdrückte. Auch die russischen Kollegen waren kaum netter. Strawinsky: „Ich schätze diesen Mann außerordentlich, er hat hervorragende Filmmusik geschrieben.“ Tatsächlich hat Rachmaninoff die künstlerische Aufbruchstimmung der frühen russischen Revolution nicht miterlebt, da er seit 1918 in den USA lebte. Hollywood scheint auch sein Klavierkonzert Nr. 4 g-moll (1926) zu durchdringen. Licht und Schatten streiten miteinander, Gewitterwolken weichen immer wieder einer zerbrechlichen Harmonie. Alexander Ghindin aus Moskau spielt den Solopart im Konzerthaus mit dem Berliner Sinfonie-Orchester allerdings arg zögerlich. Da gerät die konzertante deutsche Erstaufführung der 60-Minuten-Oper „Francesca da Rimini“ (1904) schon zündender (noch heute Abend, 20 Uhr). Den Ehestreit in der Hölle nach einer Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“ begleitet der Chor der Verdammten mit textlosem Wehgeschrei. Wie aus tiefem Felsgestein entwinden sich die Töne dem Bass Vladimir Matorins, der den Betrogenen singt. Marina Shaguch gibt der Titelfigur stimmliche Fülle und meistert auch die leisen Passagen. Eigentlich verpasst eine Menge, wer sich gegen Rachmaninoffs tönende Leidenschaften sperrt. Udo Badelt

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