Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Sexy

Durchschnittlichkeit

Was für ein wunderbares Bild: Auf einem vor die Bühne der Columbiahalle gespannten Stoff sieht man die Schattenrisse dreier Männer, die sich an den Händen halten. Das Tuch fällt und – voilà! – da sind sie wieder: Fettes Brot. Sie singen „Wir sehen gut aus wie immer“ – und tatsächlich: Auch nach zwölf Jahren Bandgeschichte machen die Hamburger eine gute Figur. Die Lieder des neuen Albums, das sie beinahe komplett vortragen, sind souliger, nicht mehr so versponnen wie früher. Trotz mancher Ernstmusikbeigabe (dreistimmiger Backgroundchor!) bleiben sie aber die Lauser, die sie immer waren. Wer sich traut, „kochendheiß“ auf „Trockeneis“ zu reimen, dem sei auch vergönnt, gefeiert zu werden wie diesmal. Dabei klingt vieles live genauso wie auf den Alben. Hier mal ein verzögertes, mit den Beatles unterlegtes Intro, dort mal eine kurze Snoop-Dogg-Parodie. Sie bestätigen die alte Schulweisheit des HipHop: Drei ist die magische Nummer. Wenn die Boyband mit Kiezappeal Mundart-Discohits zum Besten gibt oder wenn sie 3000 Leute dazu bringt, sich lautstark als „schwule Mädchen“ zu outen, zelebrieren sie eine sexy Durchschnittlichkeit, die keiner weiteren Rechtfertigung bedarf. Der letzte Song „Falsche Entscheidung“ macht klar: Fettes Brot ist schlichtweg die demokratischste Band der Welt.

* * *

KUNST

Klischees mit

der Kamera

„Sie sagen, ich bin eine Frau“, erzählt das Mädchen im knallgelben T-Shirt. Der einfache Satz scheint sie zu verwundern, hinter jedes Wort legt ihre Stimme ein Fragezeichen, mehrmals wiederholt sie die Aussage. Die Schauspielerin gehört zu den Ersten, die in der 55-minütigen Installation „Synapsen 2005“ von York der Knoefel in der St. Johannes-Evangelist-Kirche zum Betrachter spricht ( Auguststraße 90, bis 8. Mai, täglich zwischen 12 und 19 Uhr zur vollen Stunde). Dieser hat es sich inmitten wild gemusterter Kissen im Sechseck aus Sperrholzwänden bequem gemacht und versucht angestrengt, den sechs Videoprojektionen zu folgen. Unterbrochen werden die Monologe von spotlightartigen Aufnahmen typisch weiblicher Arbeitsplätze, aber auch unberührter Natur sowie von filmischen Zitaten. Wortfetzen, Halbsätze und Handlungsgeräusche verknüpfen sich zu einem dichten Klangteppich. Im Zentrum liegt erschlagen der Zuschauer, auf ihn prasseln alle Eindrücke nieder und verbinden sich wie Synapsen. Aber nur wer sich auf eine Protagonistin konzentriert, kann das Gesagte entschlüsseln.

Schnell wird klar, dass jede von ihnen einen bestimmten Frauentyp verkörpert. Von der verbitterten Ehefrau bis zur verträumten Idealistin sind alle Facetten vertreten. Ihre Ziele, Wünsche und Eigenschaften, selbst die Kleidung und Körpersprache passen in die feste Rollenvergabe. York der Knoefel hat als Mann die Konturen der weiblichen Klischees mit der Kamera nachgezeichnet. Der Blick des Video- und Fotokünstlers auf all die Brünetten und Rothaarigen, Jungen und Alten offenbart dabei die Aktualität scheinbar überkommener Rollenverständnisse: um die Emanzipation ad acta zu legen, ist es noch zu früh. Leider. Laura Weißmüller

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben