Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR

Elefanten

am Brunnen

Die Feier konnte sich sehen lassen: Vier Tage lang wurde 1902 mit Kaisers Unterstützung und unter der Präsidentschaft des Hofmalers Anton von Werner die Einweihung der neuen Gebäude der „Königlich akademischen Hochschule für Bildende Künste und Musik“ begangen. Repräsentativ war auch die Architektur des neuen Hauses an der Hardenbergstraße, dessen Architekten Kayser und von Großheim damals zu den vielbeschäftigten Berliner Baumeistern zählten. Zur 300 Jahrfeier des Bezirks Charlottenburg präsentiert die inzwischen zur Universität der Künste umgewandelte Hochschule einen Blick auf ihre Historie (Einsteinufer 43-53, bis 29. April, Katalog 7 Euro). Getreu dem Motto „ein Jahr ein Blatt“ haben Jonas Geist und Matthias Seidel Bilder und Geschichten aus 100 Jahren zusammengetragen und in eine strenge graphische Gliederung gebracht. Federleicht verbinden sie dabei Ereignisse aus der Universitätsgeschichte mit der Zeit-, Stadt-, Kunst- und Weltgeschichte und schaffen so ein kleines Charlottenburger Kaleidoskop. Kuriositäten wie der geplante Elefantenbrunnen des Bildhauers August Gaul, der von Christian Morgenstern bedichtet wurde, finden sich ebenso wie Blicke auf künstlerische Arbeiten an der Universität. Zum Ausstellungsstück wird in diesem feinen Geschichtsgespinst auch der Ausstellungsort, die denkmalgeschützte ehemalige „Fachschule für Optik und Fototechnik“ von Robert Tepez, die heute die Universitätsverwaltung beherbergt.

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KUNST (1)

Spuren

im Sand

Sie drehen sich mal langsamer, mal schneller. Grobkörnig ist der Sand, märkischer Sand, und die mit Knoten versehenen Schnüre fördern Steine zutage, graben Löcher, holpern über Unebenheiten. Ein Bauer ist Günther Uecker immer geblieben, auch in der Arbeit Sandmühlen – Zeitspiralen , die nun in der Berliner Neuen Nationalgalerie den Veranstaltungsreigen zum 75. Geburtstag des Düsseldorfer Künstlers beschließt (bis 16. Mai, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei). Die meditative Ruhe, die die acht unterschiedlich großen Sandkreise in der oberen Halle des Mies-van-der-Rohe-Baus verströmen, erinnert stark an Zen-Gärten, auf die sich auch Uecker ausdrücklich bezieht – und Museumschef Peter-Klaus Schuster ließ sich prompt dazu hinreißen, die Nationalgalerie als japanisches Tatami-Haus zu feiern. Einziger Wehmutstropfen der schönen Zusammenarbeit: zur Eröffnung der Uecker-Retrospektive im Gropius-Bau und der Aquarell-Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein (beide noch bis 6. Juni) vor fünf Wochen war die Halle der Nationalgalerie noch nicht frei. Eine Planungsverzögerung hatte, per Dominoeffekt, alle Veranstaltungen von Carsten Nicolais Elektro-Installaton „Syn chron“ über die Performance „VB 55“ von Vanessa Beecroft bis hin zum 20. Kapitel der Uecker-Schau in Mitleidenschaft gezogen. Planungschaos bei den Staatlichen Museen. Aber wie gesagt: manche Mühlen mahlen schneller, andere langsamer. Christina Tilmann

KUNST (2)

Garten

im Haus

Große Vergangenheit, schleichender Niedergang, die Zukunft als mächtiges Fragezeichen: Kein leichtes Erbe, das Katja Blomberg, die neue Leiterin des Zehlendorfer Haus am Waldsee von ihrer Vorgängerin übernommen hat. Allerdings gibt es Anzeichen, dass sich die Situation des Ausstellungshauses in nicht bester, aber schönster Berliner Lage demnächst wieder zum Positiven wendet. Fehlte in den letzten Jahren die konsequente Linie im Programm, so wird sich das unter Blomberg ändern. Die Idee ist: Global denken, lokal handeln, was sich in Berlin als internationaler Kunstmetropole ja auch aufdrängt. Blombergs Konzept klingt auf Anhieb einfach, ist es aber natürlich nicht: Immer mehr Künstler aus dem In- und Ausland ziehen in die Stadt, das wird sich doch irgendwie attraktiv abbilden lassen. Den Anfang macht in zehn Tagen Thomas Florschuetz , der hier nun wirklich alles andere als ein Unbekannter ist, aber immerhin acht neue große Arbeiten zeigen will (29. April bis 31. Juli, So bis Do 10 bis 18 Uhr, Fr und Sa 12 bis 20 Uhr). Ende August ist dann Florian Slotawa an der Reihe. Der 1972 in Rosenheim geborene Installationskünstler wird das Inventar des Gartens ins Gebäudeinnere verfrachten – hört sich noch etwas diffus an, verspricht jedoch spektakulär zu werden. Vorläufiges Fazit: Ein frischer Wind weht, das ist deutlich mehr als bisher. Hoffentlich ist es nicht nur der Schwung des Neubeginns. Ulrich Clewing

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KLASSIK

Sonne

im Salon

Das Streichquartett ist eine sehr private Kunstform. Von Schuberts Quartetten soll zu seinen Lebzeiten lediglich ein Werk vor zahlendem Publikum zum Besten gegeben worden sein; Haydns gesamte und Beethovens frühe Beiträge zur Gattung erklangen meist im Salon vor Kennern. Das Quatuor Mosaïques wollte diese Wahrheit selbst beim Auftritt an einem so repräsentativen Ort wie dem Kammermusiksaal der Philharmonie nicht verschweigen. Hat sich bei vielen Spezialisten für alte Musik die Angewohnheit verfestigt, die Hörer mit extrovertiertem Spiel und zu Schau gestellter Lebhaftigkeit die Angst vor allem zu nehmen, was sich alt nennt, übt sich das 1989 aus Mitgliedern von Nikolaus Harnoncourts „Concentus Musicus“ gebildete Quatuor Mosaïques in Gelassenheit. Dudelsackbässe im Menuett von Haydns zweitem Sonnenquartett? „Ja“, scheinen die Musiker zu sagen, „die haben wir auch gesehen. Aber wir werden den Perückenträger deswegen nicht zum Tanzbären machen. Im Übrigen ist Frau Bischof an der zweiten Violine gerade dabei, ganz subtile Überblendungen unterschiedlichster Streichertexturen zu gestalten. Hören Sie doch hin.“ Es lohnte sich, dem Aufruf zu folgen. Mögen andere Ensembles auch den Witz vom Scherzo in Beethovens Quartett op. 18 Nr. 4 noch leutseliger und präziser erzählen, so erkannten die Musiker dafür endlich einmal den Lyriker im jungen Revolutionär: noch im Sforzato gelang es ihnen, ihm das geladene Bajonett sanft zu entwinden. Vollkommen eins mit sich und dem Werk waren sich die vier in Schuberts Rosamunde-Quartett. Dessen Mittelsätze erfüllten sie mit der Trauer desjenigen, der stumm weint, weil er keine Tränen mehr hat. Carsten Niemann

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