Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Der amerikanische

Traum

Erstaunlich eigentlich, dass Leon Fleishers Schicksal noch nicht verfilmt worden ist: Nachdem seine Karriere Mitte der Sechziger durch eine Lähmung zweier Finger der rechten Hand abrupt beendet schien, baute sich Fleisher eine Zweitkarriere als linkshändiger Pianist auf und wurde damit ebenso berühmt wie zuvor als Brahms- und Beethoven-Interpret. Seinen Auftritt in der Philharmonie hätten jedenfalls auch die Drehbuchschreiber eines Fleisher-Biopics nicht besser hinbekommen: Nachdem der 77-Jährige seine Spezialistenkompetenz an Prokofjews neoklassisch verspieltem viertem Klavierkonzert demonstriert hat, kehrt er noch einmal aufs Podium zurück und legt für den spirituell leuchtenden Pastoralgesang von Bachs „Schafe können sicher weiden“ auch die rechte Hand auf die Tasten. So klingt der american dream: Du kannst alles, wenn du nur willst. Und wie der Film hätte hier auch das Konzert des Utah Symphony Orchestra eigentlich beendet sein können: Denn nachdem die Formation zunächst noch mit der flott gespielten Tanzfolge aus Bernsteins „West Side Story“ ihren Heimvorteil ausgespielt hatte, bringt Dvoraks fünfte Sinfonie die Musiker zurück auf den Boden der Orchesterrealität: Ein etwas seifiger Streicherklang ohne Tiefe, weich gespülte Holzbläser und ein Dirigent, der sich vergeblich um großen Atem und musikantischen Schwung müht, geben einen Einblick in die gehobene amerikanische Provinz. Aber vielleicht schaffen sie es ja noch. Sie müssen nur wollen.

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POP (1)

Der Saxofonist mit

dem Basecap

Es war eine kleine Sensation, als der New Yorker Altsaxofonist Steve Coleman die Bühne des A-Trane betrat. Dem ausverkauften Konzert des M-Base-Begründers musste ein zweites Konzert vorangestellt werden. Coleman, mit nach hinten gedrehter Basecap, präsentierte seine „Five Elements“-Band mit Schlagzeug, E-Bass, Trompete, Posaune und Voice mit der Musik seines Albums „Lucidarium“. Angelegt wie eine Suite, umfasst das erste Konzert mehrere ineinander laufende Stücke, unterlegt von einem immer wiederkehrenden Loop, wie eine 90-minütige Gesamtkomposition. Mit geschlossenen Augen spielte Coleman melodiebetont, beginnend mit einem Solo. Hauptsächlich begleitet von dem Schlagzeuger Tyshawn Sorey, setzten die anderen Spieler nur sparsame Akzente. Auch das zweite Konzert war von einer meditativen Dichte, bei der die Sängerin Jen Shyu ihre Stimme wie ein Instrument einsetzte. Die rhythmischen Schichten und sich wiederholenden Melodiemuster schufen eine spirituelle Intensität. Maxi Sickert

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POP (2)

Die Rockband mit

dem Heyheyhey

Vorbands haben bekanntlich eine undankbare Aufgabe. So bemerkt man oft erst im Kontrast zu ihnen, wie gut der Hauptact ist. FritzClub/Postbahnhof : So erstarren die walisischen The Cribs in ausgelutschten Rockband-Posen, halten zu oft die Bierflaschen als Insignien des Exzesses hoch. Anders ihr Labelkollegen Bloc Party : Zwar fallen einem zu dieser It-Band, die letzten Herbst in Berlin als Support für Interpol spielte, etliche musikalische Referenzen ein, etwa The Cure oder Joy Division. Aber in ihrem Auftreten sind die Engländer unverwechselbar. Sänger Kele Okereke gestikuliert ungelenk wie ein Soapdarsteller und nuschelt in verwaschenem Londoner Slang Witze, deren Pointen schon an der Bühnengrenze verenden. „Lass allein die Musik sprechen“, empfiehlt Bassist Gordon Moakes. Auch hier funktioniert die Verständigung nicht störungsfrei: Als „She’s Hearing Voices“ beginnt, lauscht Okereke ins Publikum, von dem aber statt der ersten Songzeilen, dem „Heyheyhey“, nur ein verlegenes Kreischen kommt. Trotzdem kommen die vier gut an, besonders mit ihrem New-Wave-Klopper „Banquet“ und dem politischen „Helicopter“. Die Sensation ist Drummer Matt Tong: Alle paar Takte setzt er akzentuierte Wirbel und treibt die Songs trotzdem voran. Zum Ende des Konzerts, nach nur einer Stunde, hat er sich als Einziger verausgabt. Daniel Völzke

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KUNST

Der Fotograf mit den

Müller-Schaufeln

Der Fotograf Ludwig Schirmer hat sich vor allem mit Arbeiten für Magazine und Werbeanzeigen sozialistischer Produkte einen Namen gemacht. In der DDR genoss er als Perfektionist hohes Ansehen. Neue Entwicklungen auf dem internationalen Fotomarkt verfolgte er akribisch und probierte, wenn möglich, sofort alles aus. Geld spielte keine Rolle, er gab es mit vollen Händen aus – mit seinen „Müller-Schaufeln“, wie er zu sagen pflegte. Denn eigentlich war Schirmers Weg zum Profi-Fotografen keineswegs vorgezeichnet. Als nach dem Krieg ein Nachfolger für die Familienmühle im thüringischen Berka fehlte, übernahm der Neffe mit dem Fototick den Betrieb. Am Abend verschwand er in der Dunkelkammer. So entstanden in den Aufbaujahren der jungen Republik einzigartige Bilder des Dorf-Alltages, die nun in der Akademie der Künste unter dem Titel Zu Hause (Hanseatenweg 10, bis 26.6.) zu sehen sind. Es ist ein fröhlicher, affirmativer Blick, den Schirmer auf seine Umwelt wirft. Die schlechte Substanz der Häuser, die problematische Kollektivierung der Landwirtschaft, die ideologischen Kämpfe – all das wird nur angedeutet. Schirmer war kein Kritiker, er war ein Chronist, der Instinkt für die spontane Schönheit des Augenblicks besaß. Erst 1961 gab er seiner Berufung endgültig nach und zog in die Nähe von Berlin. Die eigenen fotografischen Anfänge, technisch perfekt wie die späteren Auftragsarbeiten, scheint er selber vergessen zu haben. Seine Tochter Ute Mahler hat sie erst nach seinem Tod 2001 im Nachlass entdeckt. Rebecca Menzel

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