Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

OPER

Meine Schwester,

der Dämon

Die Musikgeschichte ist voll von verpassten Gelegenheiten: Welches Geschenk hätte Claude Debussy uns gemacht, wenn er neben „Pelleas und Melisande“ eine zweite Oper hinterlassen hätte? Leider aber blieb es bei Fragmenten. Die streut Michael zur Mühlen für seine Inszenierung Der Fall des Hauses Usher nach der Kurzgeschichte von E. A. Poe in seine Collage um den vom Wahnsinn gezeichneten Roderick Usher. Eine Welt scharfer Kontraste tut sich in der Neuköllner Oper auf. Zur Mühlen verwebt die Motive des an Erinnerungen erstickenden Usher zu profanen modernen Bildern. Das Bühnenbild zeigt statt Adelssitz einen Wohnkäfig mit doppeltem Boden. Letzteren bewohnt Rodericks Schwester, die wie ein Dämon über ihm schwebt. Die beiden spiegeln sich ineinander, das Inzestthema wird hier explizit. Wenn dann Rodericks Schulfreund eintrifft, schwankt die Inszenierung zwischen Katastrophe und Klamauk. Die Geschwister reagieren mit Panik auf den Eindringling, den zur Mühlen als Kontrastmittel alberne Pläne für eine touristische Nutzung des Landsitzes zusammenfaseln lässt. Dazu erklingt vom Flügel Musik von Morton Feldman, die auf unvergleichlich zarte Art die Kunst des Erinnerns pflegt. Gelegentlich wird sie von hochexpressiven Arien Hubert Wilds als Usher unterbrochen. Ach, hätte Debussy doch nur weiter geschrieben.

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THEATER

Meine Schuhe,

das Letzte

Der Herr mit rosa Krawatte, neckischer Hornbrille und teurem Hemd sieht nicht wie ein Verlierer aus. Aber nachdem er den anderen Opfern der Ökonomie zugehört hat, bricht es aus ihm heraus: „Das Geld ist weg – und es wird nie, nie wiederkommen. Wenn das so weitergeht, sind die Reichen nur die letzten, die entlassen werden.“ Man ahnt, dass er bessere Tage gesehen hat. Aber jetzt hat die Rezession auch ihn erwischt. Zurück bleibt ein ohnmächtiger Mensch, der uns seine Wut entgegenbrüllt. Danach sitzt er erschöpft an einem Tisch und putzt seine edlen Schuhe, ein Überbleibsel alter Zeiten. Wer im Zuschauerraum den sozialen Abstieg noch nicht kennt, ahnt, dass es auch ihn erwischen kann. Regisseur Dirk Cirslak hat mit einer Zeitungsanzeige nach „Zornigen Menschen“ gesucht. Zwei Dutzend der so gecasteten Amateure sitzen und stehen jetzt auf der Bühne der Sophiensaele , kaum zu unterscheiden von den Profischauspielern aus Cieslaks Gruppe Lubricat . Hinreißend ist ein seltsam verstörtes Wesen mit angeklebtem Bart und Büro-Hemd, das immer wieder darauf hinweist, dass, wer noch etwas zu essen haben möchte, sich bitte in eine Liste eintragen möge. Aus autobiografischen Skizzen, einer Hip-Hop-Einlage, traurigen Momentaufnahmen, coolen Erzählungen, kleinen Revue-Nummen, versponnenen Dialogen entsteht ein Theaterabend über das Leben in der Krise. Das ist erstaunlicherweise komisch, völlig unpeinlich, unsentimental und ab und zu sehr traurig. (wieder: 24., 27.4–1.5., 20.30 Uhr) Peter Laudenbach

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KLASSIK

Da hilft nur noch

Brückenschlagen

Ein ungewöhnlicher Gruß zum 100. Geburtstag: In der Reihe Klangbrücken ehrt Deutschlandradio Berlin Karl Amadeus Hartmann einmal nicht mit den gewichtigen Sinfonien, die noch in den Konzertprogrammen anzutreffen sind. Das „Konzert für Klavier, Bläser und Schlagzeug“ von 1953 knüpft vielmehr an die „wilde Zeit“ des Komponisten an, bevor seine Bekenntnisse gegen die Nazibarbarei nach dem großen Klangapparat verlangten. So weht der frische Ton der neuen Sachlichkeit durch die originell besetzte Partitur, Hindemith und Strawinsky standen Pate. Unter Michail Jurowskis Leitung ziehen die Schlagzeuger vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in den rhythmischen Sog, schwelgen die Bläser in gleißend-spröden Farben. Brücken zwischen intimer „Hausmusik“ und öffentlicher sinfonischer Sphäre schlug das gesamte Programm im Kammermusiksaal der Philharmonie . Vierzehn Solostreicher führt Georg Katzer in seiner „Streichermusik I“ von 1971 von zart linearen Einzelaktionen zu voluminös ausbrechenden Klangflächen. Solche Binnenstruktur von Alt und Neu, eingerahmt von frühem Schubert, verschaffte diesmal auch den Avantgarde-Klängen höchst kommunikative Wirkung – „unterhaltsame Kunstfertigkeit“ im besten Sinne. Isabel Herzfeld

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