Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

BALLETT

Um den Finger

gewickelt

„Sie ist reizend – aber unmoralisch.“ So hat Kenneth MacMillan die Protagonistin seines 1974 uraufgeführten Handlungsballetts Manon beschrieben. Der Choreograf hat sich von der „Histoire de Manon Lescaut et du Chevalier Des Grieux“ zu einem dreiaktigen Tanzabend anregen lassen – zur Musik von Jules Massenet. Und der unschuldigen Ballettwelt eine unwiderstehliche Heldin geschenkt.

Mit „Manon“ wirbt Ballettchef Vladimir Malakhov an der Staatsoper um die Publikumsgunst. Glanz und Elend einer Kurtisane werden vorgeführt, die Bühne ist bevölkert von Bettlern, Kokotten und lüsternen Edelmännern. Tänze zwischen Boudoir und Bordell – für ein Ballett, ein britisch-royales zumal, geht es ungewohnt frivol zu. MacMillan will die gesellschaftlichen Triebkräfte bloßlegen – Gier nach Gold und Sex. Doch die konventionellen Genrebilder der vom Royal Danish Ballet übernommenen Ausstattung zeigen viel Getändel und Gegrapsche nach dem Geldsack oder Manons Beinen.

Diana Vishneva ist Manon – ihr muss man verfallen. Die Primaballerina des Bolshoi-Balletts ist die perfekte Verkörperung der kapriziösen Pariserin. Leichtlebig und flatterhaft, kokett bis in die Fingerspitzen. Die geborene Verführerin – und zugleich die Verführte. Sie kann den Verlockungen des Luxuslebens nicht widerstehen. Vishneva leiht der Kokotte mädchenhafte Unschuld. Sie tanzt den Männern auf der Nase herum. Ganz nach dem Kindfrau-Motto: Ich will doch nur spielen. Doch die Männer werden ihr zum Verderben. Und sie wird dem liebeskranken Studenten Des Grieux zum Verhängnis. Ein empfindsamer Schwärmer – eine Rolle nach dem Geschmack von Malakhov.

Doch der Ballettstar bleibt an diesem Abend blass. Flüchtet sich in Dandy-Posen, die er perfekt beherrscht. Beim anfänglichen Liebeswerben kommt er tänzerisch nicht in Fahrt, die schöne Geschmeidigkeit und Innigkeit geht ihm ab. Die hochartistischen Pas de deux sind dennoch die Höhepunkte des Abends. Sämtliche Spielarten der Liebe werden durchdekliniert, von den schwärmerischen Anfängen bis zur fiebrigen Leidenschaft. Und doch lassen die Duette die choreografische Meisterschaft eines John Cranko vermissen. Das grausame Ende in der Strafkolonie: tänzerische Exaltationen statt Passionen. Die behaupteten Leidenschaften lassen kalt. Worin die verführerischen Reize dieser „Manon“ liegen, wird nicht recht deutlich.

POP

Um den Breakbeat

getanzt

Keine Laser, keine Visuals, kein Nebel. Nichts soll ablenken von den Körpern, an denen die Musik arbeitet. Die Körper der Besucher der Columbiahalle , die Körper der britischen Elektropunker The Prodigy . Die Performer Keith Flint und Maxim bieten schönstes Varieté. Flint: der Komplett-Irre, der Mephistopheles mit ausgestreckter Zunge. Maxim: der leicht retardierte Krieger mit Gesichtsbemalung, Rasta und bandagierten Unterarmen. Ihrem Aufzug entsprechend übernehmen sie die Vocals in Danceklassikern aus 13 Jahren Bandgeschichte: Während Flint den „Firestarter“ mimt, rappt Maxim über die düsteren Tracks. Gemeinsam umtanzen sie das Podium, auf dem Liam Howlett konzentriert an den aggressiven Breakbeats arbeitet. Unterstützt wird der Kopf der Band von einem Drummer, der sich in einem irrwitzigen Kampf mit den von der Drummachine produzierten Beats verausgabt. Ab und an kommt ein Gitarrist auf die Bühne, spielt ein paar Riffs, die völlig untergehen im Klanginferno. Die Dramaturgie des Abends bleibt verborgen: Weder das Tempo noch die Showelemente wechseln, die zahlreichen Auf- und Abtritte der Performer erscheinen durch nichts motiviert – und doch ist es so genau richtig. Das Publikum wird mit einer zerhackten Version des ersten Hits entlassen: „Out Of Space“. Daniel Völzke

* * *

LITERATUR

Mit der Wimper

gezuckt

Er ist der bekannteste Autor seines Landes, und sein erster Krimi liegt auch auf Deutsch vor. Heute stellt der Angolaner Artur Carlos Maurício Pestana dos Santos, der unter dem Pseudonym Pepetela publiziert, sein Buch Jaime Bunda, Geheimagent in Berlin vor ( Ethnologisches Museum , Lansstr. 8, heute um 12 Uhr). Schon der Titel verrät, dass es sich um eine Persiflage auf James Bond handelt – zumal das Wort ‚bunda’ übersetzt ‚Breitarsch’ bedeutet. Inzwischen hat der 63-Jährige eine Fortsetzung geschrieben, die in die internationale Geschäftswelt führt. Ansonsten lehrt der frühere Widerstandskämpfer und ehemalige Vizeminister für Bildung Soziologie an der Universität Luanda. Das Pseudonym Pepetela übrigens datiert aus der Zeit des Unabhängigkeitskriegs. Pepetelas Familienname ‚Pestana’ bedeutet ‚Wimper’ und auf Umbundo ‚Pepetela’. So nannte sich Pestana als Partisan. Manfred Loimeier

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