Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

NEUE MUSIK

Warten mit

Beckett

Sitzfleischtest im Hau 1 : Rund drei Stunden dauert der Marathon um Samuel Becketts skelettierte Schauspielszenen um Einsamkeit und Trümmer gewordene Lebenshoffnung. Die Zeitgenössische Oper Berlin zeigt zwei Schauspiele des 1989 gestorbenen irischen Dichters und zwei von ihm inspirierte Musikdramen, komponiert von Heinz Holliger (wieder heute und morgen, jeweils 20 Uhr im HAU 1). Ein Mund erscheint zu Beginn gespenstisch in der Wand, eine auf ihr Sprechorgan reduzierte Frau beginnt zu reden. Es ist ihr Leben, von dem sie berichtet, doch das ist so hoffnungslos und so ohne Liebe, dass sie nur ertragen kann, davon zu reden, wenn sie in der dritten Person spricht.

Die Dichte und Strenge der Beckett’schen Sprachschöpfung, vor allem aber die unglaubliche stimmliche Nuancierungsfähigkeit von Elfriede Irrall macht „Nicht ich“ zu einem beklemmenden Erlebnis. Aber bald ist die Konzentration erschöpft. Heinz Holligers Beckett-Studie „Not I“ singt Eiko Morikawa so virtuos, dass man sich unwillkürlich wünscht, gerade eben frisch das Theater betreten zu haben. Auch die mit vier Männern und vier Posaunen nebst Schlagzeug inszenierte Kammeroper „What where“ hätte aufmerksame Zuhörer verdient, ist aber an diesem Abend einfach zu viel des Guten. So bleibt dem Zuschauer nur, sich auf diesen Abend mit ausführlichem Gesäßmuskeltraining vorzubereiten. Oder man genehmigt sich nur eine Auswahl des Gebotenen – man frage an der Kasse nach Teilzeitkarten!

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SACHBUCH

Wunden

für immer

Heute vor drei Jahren, am 26. April 2002, drang in Erfurt ein 19-jähriger Abiturient in das Gutenberg-Gymnasium ein, ermordete 16 Menschen und anschließend sich selbst. Mit einem Schlag war Gewalt an den Schulen, wie man sie nur aus Amerika kannte, auch in Deutschland Realität geworden. Der Täter, Robert Steinhäuser, zerstörte nicht nur das Leben seiner Opfer, sondern veränderte auch die Lebensläufe Hunderter anderer Menschen – Angehöriger, Kollegen und Schüler. Was sind die Langzeitfolgen? Welche Schäden bleiben? Der Regisseur Jens Becker drehte in den Monaten nach dem Massaker zwei Filme für Arte und den MDR. Nach und nach errang er das Vertrauen der Lehrer und Schüler, unter anderem, weil er am Gutenberg-Gymnasium einen Medienkurs gab. Becker: „Vertrauen zu schaffen heißt ja auch, etwas zu geben“ – eine Maxime, an die er sich auch in seinem Interviewbuch Kurzschluss hält. (Schwartzkopff Buchwerke, Berlin, 255 Seiten, 18 €.) Darin hat er jetzt das Material, das er in seinen Filmen nicht darstellen konnte, veröffentlicht. Traumatisiert wurden vor allem die Lehrer, da Steinhäuser gezielt auf Personen schoss, die an der Tafel standen. Der überlebende Biologielehrer André Forster sitzt in Gasthäusern nur noch mit dem Rücken zur Wand, weil er alles sehen und unbekannte Geräusche sofort zuordnen muss. Zu Wort kommen aber auch ehemalige Schüler, Partner von Erschossenen, der Hausmeister, der Oberbürgermeister von Erfurt, Journalistenkollegen und die Eltern des Täters – ein eindrucksvolles Bild der Tragödie. Udo Badelt

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THEATER

Verkündigung

der Götter

Es sind Verse einer trunkenen, hymnischen Überhebung, die Friedrich Hölderlins Trauerspiel-Fragment „Der Tod des Empedokles“ dem antiken Philosophen in den Mund legt: „Was sind die Götter und ihr Geist, wenn ich sie nicht verkündige?“ Weiter fragt Empedokles: „Wer bin ich?“ Im Berliner Orphtheater geht man diesen Fragen nach, in einer Stunde höchster gedanklicher Konzentration und gebändigter sprachlicher Ausdruckskraft (27.–30.4 und 1.5., je 20 Uhr).

Regisseur Hannes Hametner schuf mit „Zur Blindheit überredete Augen“ eine Textcollage aus den drei Fassungen des idealistischen Philosophen-Theaters. Andreas Seifert ist allein auf der nachtdunklen Bühne – ein filigraner, bizarrer Stuhl dient ihm zum Thron, auf dem die Schöpfung gefeiert und befragt wird. Seifert ringt mit der hoch verdichteten Sprache, gibt sich ihr hin, spürt ihr nach, in ruhiger Rede, im leidenschaftlichen Schrei, im hingebungsvollen Gesang. So wird er, ausgeliefert an die schrankenlosen Träume und kühnen Visionen der Verse, gleichsam zum Stellvertreter Hölderlins. Für einen deutschen Dichter, der Himmel und Meer, Inseln und Gestirn, Menschen und Götter in seinem Werk wie kein anderer gepriesen, ja „verkündigt“ hat. Viele „Rollen“ fallen dabei an, Seifert übernimmt sie souverän, gestützt und getragen von der einfühlsam zurückhaltenden, auch mit mächtigem Orgelklang auftrumpfenden Musik (Johan Maria Rotman) und einem zauberisch modellierenden Licht (Didi Abrotat). Christoph Funke

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