Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK (1)

Der verkannte

Romantiker

Kurz bevor er den Taktstock hebt, dreht sich Mark Elder noch einmal zum Publikum: Ein paar Sätze über Niels Wilhelm Gade sind ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Für den 1817 geborenen Dänen war kein Platz mehr auf dem Siegerpodest der großen Romantiker frei – den einen klang seine Musik noch zu wenig nach Brahms, den anderen noch zuviel nach Mendelssohn. Im Berliner Konzerthaus rücken Elder und das Orchestra of the Age of Enlightenment das Bild wieder zurecht: Im Kontext von Mendelssohns „Italienischer" und Schumanns Cellokonzert ist Gades 1857 entstandene sechste Sinfonie ein Avantgardestück und geht mit ihren schicksalsschweren Ecksätzen über die zartgliedrige Poesie seiner Vorgänger hinaus.

Eine Musik des Aufbrechens, nicht des Ankommens: Immer wieder zerreißen die massiven Blecheinsätze die Elfengespinste der Streicher, finden aber nicht zu siegesgewissen Fanfarentönen. Die Zeit der Träumer war nach 1848 vorbei – und die des saturierten Großbürgertums hatte noch nicht begonnen. Ein gescheites Programm, blendend gespielt: Im transparenten Klanbild der Originalinstrumente tritt Mendelssohns Ziel, klassische Form mit romantischem Geist zu füllen, ebenso klar zutage wie der spielerische Gestus von Schumanns Cellokonzert, das Steven Isserlis als kunstreiche Virtuosenträumerei anlegt. Und das versteht man auch ohne Worte.

* * *

KLASSIK (2)

Die Grundgewalt

der Bassgeige

Die Besten im Glück: Neben den etablierten philharmonischen Ensembles wie dem, das den Namen Scharouns trägt, oder dem Philharmonia Quartett treten Berli ner Philharmoniker in den apartesten Kleingruppen auf: Das Orchester kann sich beinahe jede Kombination von Soloinstrumenten leisten, um Abenteuer zu suchen. Dabei kommt es im Kammermu siksaal quasi zu einer Kreuzung der Reihen „300 Jahre Klarinette“ und „Oktett plus“. Denn diesmal geben mehr als acht Bläser den Ton an, die von dem Klarinettistenduo Steffens/Seyfarth so elegant wie mutig gesteuert werden. Karl-Heinz Steffens ist auch insofern Initiator, als er sich auf Bearbeitungen verschiedenster Musik für sich und seine Kollegen an Flöten, Oboen, Fagotten und Hörnern versteht, die auf die fabelhafte Grundgewalt des Kontrabasses von Rudolf Watzel bauen. So wird die fünfte Orgelsymphonie von Charles-Marie Widor, eine Tondichtung für einen Organisten, auf viele Interpreten aufgeteilt, und das klingt zumal in der Toccata so virtuos und witzig, dass es Musiker und Publikum vergnügt. Elf Leute ziehen neue Register.

Da Klavierlieder von Debussy mit Bläsern dramatischeren Effekt machen, scheint Stella Doufexis mit ihren Glockentönen hier als Carmen und dort als Mélisande auf der Bühne zu stehen. Zum Schluss heitere Muse: Serenade für Bläser, Violoncello (Ludwig Quandt) und Kontrabass von Dvorák. Auch Originalbesetzung hat ihren Reiz. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar