Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK (1)

Zaubergarten

des Impressionismus

Die Partnerschaft zwischen den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle hat einen Gipfel erreicht. Von der Grenze des Hörbaren zur dämonischen Wildheit des Dance infernale spannen die Musiker einen Bogen aus Klangschönheit und formaler Kraft, um Igor Strawinskys „Feuervogel“ zu feiern, wenige Tage nach dem „Feuervogel“-Tanzprojekt des Orchesters mit Berliner Schülern. Keine der Suiten, sondern das ganze Ballett erklingt, die Philharmonie verwandelt sich in einen Zaubergarten, in dem das Gute siegt. Rattles Interpretation bekennt sich zum Extrem. Der feine Impressionismus, der nur die Nuance will, begegnet dem russischen Bruitismus der Rhythmen, und die Soli des Horns, des Fagotts, der Klarinette, Oboe, Flöte, Streicher sind erlesene Zaubertöne. Ihre Wirkung verdankt sich nicht zuletzt der Übereinstimmung des glänzend besetzten Orchesters mit dem Dirigenten – märchenhaft.Dass die Philharmoniker binnen kurzer Frist ein zeitgenössisches Stück nachspielen, das vom DSO mit Nagano uraufgeführt wurde, ist eine Rarität, die der koreanischen Komponistin Unsuk Chin zugute kommt. Ihr Violinkonzert ist vom Instrument inspiriert, lässt seine Thematik aus den leeren Saiten der Geige aufsteigen. Christian Tetzlaff wird als SuperPaganini gefeiert. Und auch Toru Takemitsu präsentiert sich mit „A Flock Descends into Pentagonal Garden“ ganz als Meister.

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KLASSIK (2)

Landschaft

der Seele

Die Bratsche ist ein melancholisches Instrument, und so ist nur konsequent, dass Tabea Zimmermann Werke der letzten Dinge auf ihr Programm im Kleinen Saal des Konzerthauses gesetzt hat. Doch der Abend scheint am falschen Ende aufgezäumt zu sein. Gewiss, Hindemiths Solosonate von 1937, kurz vor der Emigration in die USA geschrieben, birst förmlich vor Energie, fesselt mit unablässigem Spannungsbogen. Den erfüllt die Weltklasse-Bratschistin mit leuchtendem, geschmeidigem Ton. Doch fehlen tiefgründigere Untertöne, bleibt die Wirkung eindimensional. Auch Dmitri Schostakowitschs Sonate op. 147 berührt nicht so stark, wie es dieser todtraurigen, zerbrechlichen Musik gemäß wäre. Zimmermanns Ton ist einfach zu gesund dafür. Wie sehr sie sich jedoch in die Seele einer Musik einfühlen, mit feinsten Nuancen jeden einzelnen Ton zum Sprechen bringen kann, wird ganz zu Anfang in Schuberts „Arpeggione“-Sonate zum Ereignis. Ihr sensibler Bogenstrich spannt die Töne wie auf einen großen Gesangsatem. Mit kantabler Durchstrukturierung setzt auch Klavierpartner Wolfram Rieger die richtigen Impulse in einer kongenialen Interpretation. Isabel Herzfeld

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