Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Häppchen und

Vollwertkost

Eine schöne Idee, gute europäische Musik mit schlechter außereuropäischen zu verbinden. Das dient zwar nicht unbedingt der Völkerverständigung, aber es hebt das lädierte europäische Selbstbewusstsein. So beginnt das DSO im Nachwuchspodium „Debüt im Deutschlandradio“ mit Aaron Coplands „El salón México“, einem nichts sagenden pseudofolkloristischen Langweiler. Zwischendurch gibt es noch Stücke von Toru Takemitsu, Filmmusikschnipsel, denen man kaum eine Minute zuhört. Aber diese faden Häppchen machen Appetit auf die Hauptstücke des Abends. Bartóks Violakonzert, von ihm selbst nicht mehr vollendet, gelingt dem jungen französischen Bratschisten Antoine Tamestit über weite Passagen ganz vorzüglich, gelegentlich lässt sein Ton etwas an Präsenz vermissen. Der erst 31-jährige Michael Christie dirigiert das DSO entspannt und zurückhaltend, stellt sich auf die heikle Akustik des Konzerthauses besser ein als manch altgedienter Kollege. Zum Triumph wird dann Ravels Klavierkonzert. Der 26-jährige mazedonische Pianist Simon Trpceski sprüht die leichtfüßigen und jazzigen Phrasen in den Ecksätzen wie mit einem Flakon in den Saal, das Orchester hüllt sich in schillernde Farben. Der Mittelsatz gerät zum Höhepunkt des Abends, nach so viel Zartheit und kühler Noblesse traut man sich kaum wieder hinaus in die raue Wirklichkeit. Und meckere niemand über die Jugend. Die war nämlich zahlreich vertreten und lauschte den Hauptwerken des Abends andächtig, schwatzte bei Copland und Takemitsu hingegen hemmungslos ...

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FOTOGRAFIE

Weichzeichner und

Schattenlichter

Berühmt wurde der luxemburgische Fotograf Edward Steichen (1879-1973) durch seine vor 50 Jahren erstmals präsentierte „Family of Man“, die größte Fotoausstellung aller Zeiten. Der damalige Leiter der Fotoabteilung des MoMA zielte ambitiös ab auf „einen Spiegel der grundlegenden Übereinstimmung der menschlichen Gattung“. Mit der Kameralinse sondierte er anthropologische Konstanten vom Gebären bis hin zu Sterberitualen. Diametral entgegengesetzt spüren die Porträts von Steichen dem Distinktiven nach und kitzeln durch raffinierte Inszenierungen das Unverwechselbare der Persönlichkeiten heraus. Unmittelbar erschließt sich hier Steichens eigentliche Meisterschaft. Gegenwärtig taxiert Sothebys sein Porträt der verschleierten Gloria Swanson auf 250000 Dollar.

Fünfzig seiner herausragenden Porträts können nun in Berlin besichtigt werden, darunter zahlreiche Vintages. Begonnen hat er seine Karriere als Maler. Das Elegische des Fin de Siècle prägt sich etwa dem Bildnis der Eleonore Duse tief ein durch extreme Weichzeichnereffekte. Souverän beherrscht Steichen die Lichtregie und wird in den 20er Jahren zu „the world’s best portrait photographer“. Der höchstbezahlte dazu. Von 1923 bis 1936 reißen sich die damaligen Celebrities darum, von ihm abgelichtet zu werden. Neben Churchill und Gerhart Hauptmann sind dies vor allem Schauspieler. Das Divenhafte der Dietrich fokussiert Steichen in ihrer flackernden Mimik, raffiniert grundiert durch kapriziöse Schattenlichter. Der Betrachter staunt, dass Steichen Autodidakt war. Seine Fotos aber sind Ikonen. Martina Jammers

Edward Steichen: Von Richard Strauss bis Greta Garbo, bis 21. Mai in der Botschaft des Großherzogtums Luxemburg, Klingelhöferstr. 7

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LITERATUR

Lieblingslieder und

Kindheitsgeschichten

Blendet man illegale Downloads, Charts- Schummelei und Videoclips einmal aus, ist Popmusik ja eine wunderbare Sache. Man kann sich in ihr wiederfinden oder sich in einer Melodie, einer Stimme, ein paar Zeilen verlieren. Manche Lieder begleiten das Leben über Jahre. Manchmal verändern sie es. Die Anthologie Mein Song. Texte zum Soundtrack des Lebens (Ars Vivendi, 19,90 Euro) lässt gleich 100 Autoren und Musiker von ihren prägenden Musikerfahrungen erzählen. Kurz wie Popsongs sind die Texte und so unterschiedlich wie ihre Autoren. So schreibt Wim Wenders, in Versen (!), über Lou Reeds „Some Kinda Love“, der Liedermacher Tom Liwa verstellt seine Erzählstimme in seiner Geschichte, deren Soundtrack die „Libertines“ sind, gleichermaßen pointiert und poetisch. Von Elke Heidenreich bis Tina Uebel, von Ludwig Fels bis Wiglaf Droste reicht das Spektrum der mehr oder weniger bekannten Beitragenden in dem vom Nürnberger Musikjournalisten Steffen Radlmaier herausgegebenen Buch. Die Beiträge erzählen von Kindheit und Jugend, von musikalischen Erweckungserlebnissen und ersten Lieben, von Drogen und wichtigen Konzerten, von DAF und Bob Dylan. Oft von Bob Dylan.

Auch Mein Lieblingslied. Songs und Storys (Hg. von Susanne Halbleib und George Lindt, Krüger, 16,90 Euro) versammelt solche Musikgeschichten. Und auch hier liest sich die Besetzungsliste prominent: Judith Holofernes von der Band Wir sind Helden erzählt, warum „Hallelujah“ von Elvis Costello nun doch nicht auf ihrer Beerdingung gespielt werden soll. Thomas Brussig kann sich überhaupt nicht für ein Lied entscheiden („wie wenn sich ein Leser für einen Lieblingssatz entscheiden müsste“), dafür gibt es ein Foto von dem als John Lennon verkleideten Autor. Aber weil Musik in erster Linie nichts zum Lesen, sondern zum Hören ist, klebt eine Papphülle mit CD auf dem Buchcover. Sie enthält zwar nicht alle der in den Storys erwähnten Songs, bunt gemischt ist sie aber, Slimes Version des Ton-SteineScherben-Hits „Wir müssen hier raus“ steht neben Howard Carpendale. (Buch- und CD-Vorstellung am 30. April, 20 Uhr, Kalkscheune, Johannisstr. 2, Mitte).

Mit dieser CD ist es wie mit den beiden Geschichten-Samplern: Nicht alles bleibt. Aber manchmal sind da ein paar Zeilen, in denen man sich verliert.

Jan Oberländer

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