Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Sexy

Steelguitar

Wenn die Vorfreude groß ist, erträgt man einiges: Als die fünf Musiker von Fink die Bühne betreten, hat das Publikum im gut gefüllten Maschinenhaus der Kulturbrauerei schon verblüffend geduldig die peinlichen Ergüsse („Ich bin der Belag auf deiner Zunge, ich bin das U-Boot in deinem Gehirn ...) von Clickclickdecker, einem Liedermacher aus Hamburg, abgenickt. Fink-Sänger Nils Koppruch hält einen ironischen Monolog über die Annehmlichkeiten des Tourlebens, ehe die Band in den surrealen Jazz-Shuffle „Messerkampf“ einsteigt. Früher galten Fink als Country-Band, davon ist nicht mehr viel zu hören. Das neue Album „Bam Bam Bam“ weist eher ins Mississippi-Delta: Mit fiebriger Hammondorgel, stoischem Walking Bass und schwitzigen Gitarrensoli weben die Finken ein klebriges Moskitonetz, hinter dem Koppruchs Stimme fast verschwindet. Oft blickt er fragend ins Publikum, das zum manischen Southernrock-Voodoo-Soul zwar mitwippt, aber noch nicht richtig bei der Sache ist. Erst bei älteren Songs wie „Loch in der Welt“ oder „Das Liebste“ springt der Funke über. Organist Red greift beherzt in die Banjosaiten, der manchmal zur solistischen Eitelkeit neigende Gitarrist Oliver Stangl spielt eine hinreißende Steelguitar. Und Nils Koppruch singt seine wortverspielten Texte mit der Vernöltheit eines Sven Regener. Nach 50 Minuten flüchten Fink aus dem Bühnennest, lassen sich aber vom hartnäckigen Applaus zu drei langen Zugaben überreden. Schade nur, dass sie ihr traurigstes, schönstes Liebeslied „Ich wein’ einen Fluss“ partout nicht rausrücken mögen.

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FILM

Gangster

und Gourmets

Die Knall- und die Kochkünstler haben mehr gemeinsam, als man denkt. Worüber unterhalten sich Mafia-Bosse im Kerzenlicht, während ihre Schlägertrupps beim Lebensmittelhändler Schutzgeld erpressen? Über den passenden Rotwein zu den Spaghetti, natürlich. Ein echter Gangster ist ein echter Gourmet. Und ist andererseits die Verarbeitung von Nahrungsmitteln nicht auch eine blutige Angelegenheit – beim Schneiden, Zerstückeln, Braten?

Peter Greenaway hat über diese fundamentale Frage mit „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ einen visuell berauschenden Film gedreht. Reichlich bei Greenaway bedient hat sich jetzt Pepe Danquart für seine Satire Basta. Rotwein oder Totsein (in sieben Berliner Kinos). Zunächst zeigt er in Großaufnahme den Leidensweg, den die Lebensmittel in Oskars Großküche nehmen. Am Ende wird ein ganzer Mensch zubereitet und in den Ofen geschoben.

Genuss ist Gewalt: ein Prinzip, das den Film regelrecht strukturiert. Jahrelang treibt Oskar (Henry Hübchen) für den russischen Mafiapaten Konstantin (Karlheinz Hackl) in der Wiener Unterwelt Geld ein. Jetzt will er aussteigen und nur noch brutalstmöglich Koch sein. Konstantin lässt ihn nur unter der Bedingung ziehen, dass er Leo (Paulus Manker), den Mörder seiner Tochter, zu Hackfleisch verarbeitet. Als er erfährt, dass Oskar ein Buch mit dem Titel „Secrets“ schreibt, verliert der Pate die Beherrschung: Sind es intime Enthüllungen, die ihm gefährlich werden können – oder am Ende nur Kochrezepte?

„Basta“ funktioniert als Hommage an den Wiener Humor, verkörpert in Roland Düringer als Oskars stumpfsinniger Gehilfe Belmondo. Henry Hübchen überzeugt in einer Rolle, die ihm schon in „Alles auf Zucker“ schmeckte: Er gibt den Underdog und Kleingangster mit Herz. Köstlich auch Corinna Harfouch (noch immer mit irrem Eva-Goebbels-Blick) und Moritz Bleibtreu (spielt neuerdings mit Vorliebe den sexy Trottel). Trotzdem: Ein bisschen weniger Geblödel, und Danquarts Film wäre ein bisschen besser geworden. Udo Badelt

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