Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Hip-Hop

liebt dich!

Noch mehr Brasilianer! Gerade ist „Move Berlim“, das Festival des zeitgenössischen brasilianischen Tanzes, zu Ende gegangen, da kommt Bruno Beltrão , zieht mit den 14 Hip-Hoppern seiner Grupo de Rua de Niteroi ins HAU 1 ein und bringt die Bude zum Wackeln. Der 24-jährige Beltrão steht für eine rasante Hybridform aus Hip-Hop und zeitgenössischem Tanz, einer Kreuzung aus Erfahrungen mit eigener Streetdance-Company und den Früchten eines Studiums der Kunst- und Tanzgeschichte. Für H2 – 2005 (noch einmal heute, 19.30 Uhr) ha t er Breakdancer im Alter von 16 bis 31 aus allen Regionen Brasiliens gecastet. Die Boys sind umwerfend. Popping und Locking, Headspin und Freeze – man erkennt die Grundelemente. Doch kühner noch als in seinen ersten Stücken dekonstruiert Beltrão hier den Hip-Hop, klopft ihn auf seine choreografischen Möglichkeiten ab. Das Resultat ist atemberaubend: ein Spektakel zwischen Stille und frenetischer Tanzlust. „Hip-Hop loves the beat of music“ ist auf der Rückwand zu lesen. Dann wird, vom Satzende her, jeweils ein Wort weggelassen: Auch der Tanz subtrahiert, reduziert die Überfülle, um zu neuen Aussagen zu kommen – und bezieht sich zugleich ironisch auf das Referenzsystem Sprache. Zu „Hip- Hop loves“ küssen sich die Tänzer lange und innig. Welch lustvoll-aggressives Spiel mit der Maskulinität!

* * *

KLASSIK

Beethoven

und seine Brüder

Die sinfonische Form als „Thema mit Variationen“ will Michael Gielen beim Berliner Sinfonie-Orchester zeigen: Doch im Konzerthaus nimmt sie kaum klingende Gestalt an. Die Schuld der Musiker ist das nicht: zu heterogen sind die Tonsprachen, die der Dirigent zusammenzwingt, als dass Bezüge hörbar werden könnten. In Schrekers Kammersinfonie verwischt er zudem durch zu große Besetzung die luzide, auf dem Klangcharakter des einzelnen Instruments beruhende Linearität. Weitaus kammermusikalischer wirkt da streckenweise Henri Dutilleux’ Violinkonzert durch eine teils aussparende, dann wieder genial verschmelzende Instrumentation, durch Dialoge, Spiegelungen oder Überlagerungen des Soloinstruments. Isabelle van Keulen wandert durch diesen schillernden Zauberwald, mit sprechenden Melodiefloskeln, deren traditionell virtuose Bestandteile hier faszinierend neu montiert scheinen. Was kann dem fremder gegenüber stehen als Beethovens 1. Sinfonie? Mit ruppigen Akzenten und ungerührt voranstürmenden Tempi weckt Gielen ihren Aufbruchsgeist, der seinerzeit der Gattung die Vorrangstellung sicherte und in den vorangegangenen Stücken allenfalls in Spurenelementen aufzufinden ist. Isabel Herzfeld

OPER

Retter im

Lendenschurz

Zwei Stellwände wie aus dem Bauhaus- Museum, darüber Industrieleuchten: Mehr braucht die TU-Bühnenbildstudentin Anna Strauss nicht, um den Rahmen zu schaffen für Ariadne auf Naxos in der Hochschule für Musik Hanns Eisler . Das Spektakel aus Harlekinen, Schauspielern, Künstlern und Göttern kann sich vor diesem Hintergrund prächtig entfalten. Nach der Pause werden die Kulissen einfach umgedreht, und fertig ist die karge Insel, auf der Ariadne ihrem untreuen Geliebten Theseus hinterher schmachtet. Regisseur und HfM-Professor Alberto Fortuzzi betont den Buffo- Charakter des Werks und inszeniert mit großem Spaß am Kitsch. Bacchus (Stefan Heibach) tritt mit goldenem Lorbeerkranz und Lendenschurz auf. Auch die übrigen Darsteller tragen herrlich bunte, ironisch gemeinte Kostüme (ebenfalls von Strauss entworfen). „Ariadne“ ist eigentlich für junge Sänger noch zu schwer, doch Sarah van der Kemp, Studentin im 10. Semester, singt die Hosenrolle des Komponisten mit ergreifender Stimme, Evelina Dobraceva bringt Ariadnes Verzweifelung mit voller Bühnenpräsenz zum Ausdruck. Das Hochschulorchester (Leitung: Pawel Poplawski) trumpft vor allem an den dramatischen Wendepunkten groß auf. (noch einmal heute, 19 Uhr, mit anderer Besetzung) Udo Badelt

* * *

KUNST

Die Anmut

der Befreiung

Auch wenn es die Stunde Null nicht gegeben hat: Die Welt war nach dem Mai 1945 eine andere als zuvor. Im Werk des Malers Erwin Filter , der im vergangenen Jahr Einhundert geworden wäre, lässt sich der Epochensprung als radikale stilistische Neuorientierung ablesen. Bis in die Vierzigerjahre malte der an der Stettiner Kunstgewerbeschule Ausgebildete noch unspektakuläre Landschaften im gemäßigten Spätimpressionismus, so entwickelte er sich ab 1950 unter dem Einfluss Ernst Wilhelm Nays und der Frankfurter Künstlergruppe Quadriga zu einem konsequenten Vertreter des deutschen Informel. Die Stiftung Starke macht anhand von 39 Arbeiten, die in den fünfziger und sechziger Jahren entstanden sind, mit der Wiesbadener Hauptschaffensperiode Filters bekannt (Koenigsallee 30-32, bis 22. Mai). Das Landschaftliche, Vegetative überdauert auch in der Abstraktion: Blaue und rostrote Bänder knicken wie Schilfgräser, verschlingen und verknoten sich. Schwarzes Wurzelwerk durchzieht blassbunte Bildgründe. In den schwarz-weißen Mischtechniken der sechziger Jahre findet Filter zu spielerischen Kalligrafien. Sicher, der Zeitgeist bleibt im Nachkriegswerk allgegenwärtig – doch nicht ohne die Anmut einer späten Befreiung. Michael Zajonz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben