Kultur : KURZ & KRITISCH

Thorsten Freigang

KUNST

Der Angriff

der Gegenwart

Seitdem auf der Museumsinsel aus der Not der oberirdischen Rohrleitungen, die sich durch das Areal winden, eine Tugend gemacht wurde und auf diesen werbewirksam das Kunstprogramm der Museen zu lesen ist, lassen sich die Röhren auch symbolisch deuten. Die naheliegendste Assoziation wäre, in den Leitungen ein Blutgefäßsystem zu sehen, das durch den Organismus Museumsinsel zirkuliert und diesen mit Kunst versorgt. Hinweise auf Zeitgenössisches sucht man auf den Röhren jedoch vergeblich, obwohl es auf der Insel durchaus auch Gegenwartskunst zu sehen gibt.

Zum Beispiel im Museum für Islamische Kunst , in dem die in Berlin lebende, iranische Künstlerin Farkhondeh Shahroudi unter dem Titel Wächter ihre Werke zeigt (Am Kupfergraben, bis 29.Mai, Di-So 10-18, Do bis 22 Uhr). In dem historischen Umfeld von Fliesen mit Granatapfeldekor, Teppichen, Rüstungen und Keramik des 15.bis 18.Jahrhunderts erscheinen ihre selbst geschneiderten und an den Öffnungen zugenähten Militäruniformen wie Eindringlinge aus einer ebenso pittoresken wie bedrohlichen Gegenwart, die gewissermaßen Hausfriedensbruch begehen und manches angestammte Exponat aus dessen Wachtraum reißen. Die begleitende Videoarbeit entfaltet in diesem Rahmen die größte Suggestion. Ritualisierte Gesten illustrieren hier Repression und Aufbegehren, Verletzung und Genesung scheinen miteinander verwoben. Dies ist vordergründig lesbar als Sharoudis Kommentar zu ihrer islamischen Heimat, mag aber gleichsam auch für eine menschliche Identitätssuche stehen, die selten ohne Opfer auskommt.

AUSSTELLUNG

Durch die Erde

ein Riss

Das Kapitel überzeugte nicht. Also wurde es neu geschrieben: In der Dauerausstellung des Jüdischen Museum s zeigt sich eines der dreizehn „Epochenbilder“ in revidierter Form. Und mit neuer Überschrift: „ Deutsche und Juden zugleich “ veranschaulicht nun klarer und prägnanter die Jahre zwischen 1800 und 1914 (Lindenstraße 9-14, Mi-Di 10-20, Mo 10-22 Uhr). Wie eine Mauer zerteilt die zentrale Ausstellungswand den Raum. Die Mehrheit der deutschen Juden wünschte gesellschaftliche Integration bei Wahrung jüdischer Identität.

Nach erbitterten Diskussionen kam 1871 die staatsbürgerliche Gleichstellung. Im Gegenzug schwoll neuer Antisemitismus. Daran gemahnt ein „Riss“ in den Wänden, der sich in Nahsicht als Textband im Libeskind-Stil entpuppt: eine Chronologie antijüdischer Ausfälle. Das erste Wort hat Kant: „Jetzo sind sie die Vampyre der Gesellschaft.“ Vor dem Hintergrund von Vorurteil und Hetze wird die Entwicklung vielfältiger deutsch-jüdischer Identitäten betrachtet, ein Spektrum zwischen Zionismus und Assimilation. Die ausgestellte Pickelhaube des Grenadiers Albert Seligsohn zeugt vom Patriotismus vieler Juden. Wer sich taufen ließ, tat das manchmal aus Kalkül. Auch Heine wählte das „Entréebillet zur europäischen Kultur“, wie er die Konversion bitter-ironisch nannte. Der Dichter verkörperte wie kaum ein anderer die Zerrissenheit vieler deutscher Juden im 19. Jahrhundert, ihm ist eine Hörinstallation gewidmet. Der Besucher fläzt sich auf einen Sitzmöbelfelsen und lauscht der Loreley: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“ Jens Hinrichsen

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