Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Kanadisches

Kraftpaket

Erst ein bisschen steif, dann aber voll französischer Eleganz und Höflichkeit: So tritt Yves Abel beim 5. Symphoniekonzert des Orchesters der Deutschen Oper Berlin vors Publikum. Es ist nicht sein erster Kontakt mit dem Haus: 2003 leitete er hier die Premiere von „Don Pasquale“, 2004 die Neueinstudierung von „Dialoge der Karmeliterinnen“. Das französische Repertoire liegt dem Kanadier, dessen Eltern in den Fünfzigerjahren aus Frankreich einwanderten, besonders am Herzen. Meriten erwarb er sich mit der Gründung der opéra français de New York. Und romanisch ist auch das Programm des Abends: Zuerst die „Litanies“, mit denen der tiefgläubige Francis Poulenc 1936 zum Katholizismus seiner Jugendzeit zurückkehrte. 25 Jahre später schrieb er sein „Gloria“, das das Orchester vor allem im „Domine fili unigenite“ mit starken kräftigen Strichen wiedergibt – Poulenc notierte „sehr gewalttätig“. Abel dirigiert als lauerndes Kraftpaket, macht dosiert Power und gibt dann wieder mit sanften Bewegungen Musikern und Opernchor Raum zur Selbstentfaltung – einem Chor, der mit herrlich vereinter Stimme die Lobpreisungen singt. Poulencs verklärter Musik folgt Puccinis italienische Theatralik: Bei seiner „Messa die Gloria“ wähnt man sich oft eher in einer römischen Taverne als in der Kirche. Als Solisten bestechen Kenneth Tarver mit makellosem Tenor und Reinhard Hagen mit dunklem Bassbariton, der sich zur religiösen Begeisterung steigert. Das Orchester grundiert die Sänger mit flimmerndem Spiel, Abel verliert zu keinem Zeitpunkt das Ganze aus den Augen.

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KLASSIK

Perfekte

Probe

Den Liederzyklus „Myrthen“ schrieb Robert Schumann als Hochzeitsgeschenk für seine geliebte Clara. Größere Popularität erlangte allerdings nur das erste Lied „Widmung“. Auch in Matthias Goernes Auswahl von Liedern Robert Schumanns aus verschiedenen Sammlungen bildet es eine Ausnahme, ansonsten wird vor allem in Edelmut gelitten, denn „der Himmel hat eine Träne geweint“ während erst im Angesicht von Gottes Sohn „die Liebe den vollkommen Kranz uns flechten“ wird. Der Bariton setzt dazu bei seinem umjubelten Liederabend im Kammermusiksaal konsequent auf Schönklang, die Textgestaltung kommt dabei durchweg zu kurz. Zwei Stunden voll vergoldeter Entsagung und subtil gestaltetem Schmerz führen zu perfektionierter Eintönigkeit, zumal Christoph Eschenbach am Klavier wenig Substanzielles beizutragen hat. Wo Go erne faszinierend phrasiert, die Melodiebögen weit ausschwingen lässt, drückt Eschenbach bloß vorsichtig die Tasten. Wo Goerne noch den kleinsten Nuancen der delikaten Klangschattierungen nachspürt, ersticken Schumanns verblüffende Harmoniewendungen in Eschenbachs unsinnlichem Spiel. Ist die Dämpfung des Flügels defekt oder seine Pedaltechnik schlicht unzureichend? Im Vergleich zu Goernes Perfektion fallen auch kleine Mängel massiv auf, wie das Rauschen der Klimaanlage während der Mahler-Lieder im ersten Teil. Immer wieder dreht sich Goerne zu Eschenbach um, als wolle er ihn auffordern, doch bitte auf seine Gestaltung zu reagieren. Im legeren Anzug, mit dem ganzen Körper die Melodielinien nachzeichnend, wirkt er bei aller genau festgelegten sängerischen Kunstfertigkeit beinahe wie auf einer Probe. Nach innen gewendet, fast als wäre er erstaunt über das anwesende Publikum. Uwe Friedrich

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