Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

CHANSON

In meinem Zoo

bin ich der Star

Sie geht gleich aufs Ganze. Steht da als Marlene-Kopie mit Glitzerzylinder und einer Blondhaarperücke groß wie ein Bettvorleger, dass eigentlich ein gerauntes „Ich bin von Kopf bis Fuß“ kommen müsste. Doch statt dessen: „Erection!“, in tiefstmöglicher Tonlage aus den Lungenflügelspitzen heraufgequetscht, mit postpunkiger Hemmungslosigkeit ins Spiegelzelt der Bar jeder Vernunft gegrölt.

Einer Cora Frost hat keiner vorzuschreiben, wer, wie und was sie auf der Bühne zu sein hat, die Königin des neuen deutschen Chansons zerstampft die Rollen- und Geschlechterklischees gleich mit dem ersten Stiefelkick. Mag eine Susanne Betancor sich in traurigem Staunen über die unergründlichen Seltsamkeiten zwischen Männern und Frauen ergehen, mag sich eine Georgette Dee immer dichter in den Kokon ihrer esoterischen Spintisiererei wickeln, mag ein Tim Fischer die selbstbespiegelnde Chansonnier-Pose perfektionieren, Cora Frost wirft auch diesmal wieder alle Erwartungen ans Genre über den Haufen, braut sich aus Pop und Kinderlied, Reggae und Ringelreihen, Wagner und NDW ihr eigenes Gemisch zurecht. Emanzipiert geht es zu in ihrem neuen Programm „Auch wir waren in Butter und Zucker“ (bis zum 19.5., Di-Do 20.30, Fr-So 20 Uhr). Frost hat es Alice Schwarzer gewidmet, und die Veteranin klettert sogar selbst zum „Fest für Alice“ auf die Bühne, bärinnenbeißig grinsend im Duett ihre wilden Pariser Jahre rekapitulierend.

Doch nicht Schwarzer, sondern Frost selbst ist das eigentliche Wundertier in dieser Menagerie, lädt immer wieder lauthals zur Besichtigung von Coras Welt ein: Ein Mikrouniversum, bevölkert von süßen Honigjungs, dünnen Frauen („Wie ein Gnu sprang sie aus der Nacht/ hat ihre vierzig Kilo Knochen mitgebracht“), totenglöckchenläutenden Robotern, däumlingsgroßen Kanzlerfamilien. Das große Mädchen Cora präsentiert ihre Lieblingsspielzeuge, kuschelt sie mal zart an sich, schleudert sie dann wieder in die nächste Ecke, zieht wieder andere hervor (gegen Ende auch einige mäßig witzige Gebrauchsgegenstände wie Eierschneider und Staubsauger, neben der Tontechnik der einzige Schwachpunkt des Abends), tobt sich im wilden Kasatschok aus, um in nächsten Moment mit noch flatterndem Atem und verdächtig simplen Schulklassenton ein paar selbstgebastelte Gedichtzeilen vorzutragen oder mit warm-verhaltenen Alt in einem spanischen Liedchen auszuruhen.

Irgendwann gegen Ende widmet Frost, nachdem sie den ganzen Abend über mit berserkerhafter Energie ihre Chansonwelt gezimmert hat, übrigens eines der schönsten Lieder ihrem Herzallerliebsten. Und in dieser zarten Geste liegt die wahre Emanzipation.

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KUNST

Der Löwe

im Porzellanladen

East meets West - im 18. Jahrhundert war das ein seltenes Ereignis. Immerhin wurde auf einem Porzellanteller der Quing-Dynastie ein Verkaufsgespräch chinesischer Händler mit europäischen Kunden verewigt. Eine Fachsimpelei vor Regalen, die mit Stoffen, Vasen und Teegerät gefüllt sind. Derlei Kostbarkeiten aus China landeten auch in der Kunstkammer der Herzöge von Sachsen-Gotha, genauer gesagt: im Chinesischen Cabinet von Schloss Friedenstein, das nun mit ausgewählten Kunstgewerbe-Objekten im Museum für Ostasiatische Kunst gastiert (Lansstraße 8, bis 4.9., Di-Fr 10-18, Sa+So 11-18 Uhr).

Auch Friedrich der Große begeisterte sich für die Gothaer Preziosen, etwa für Kleinskulpturen aus Speckstein, die zu einer der bedeutendsten Sammlungen ihrer Art in Europa gehörten. Die Steatitmanufakturen in China lieferten vor allem Heilsgestalten aus diesem rot-weiß marmorierten Naturmaterial, das leichter zu bearbeiten ist als Jade. Besonders bezaubernd: die „taoistische Unsterbliche“ Magu in mädchenhafter Feengestalt. Sie reitet auf einem Löwen. Ihr Gewand flattert im Wind, ihre kunstvolle Frisur hat der chinesische Anonymus haarfein in den Speckstein geritzt. Magus Augen sind typischerweise geschlossen: wie alle „Unsterblichen“ versenkt sie sich ins Tao, den Urquell allen Seins.

Zur Meditation laden auch die mit Wasserfarben gemalten „Landschaften in der Schale“ ein. Ein Album mit Bonsai-Motiven entstand um 1800 und regte ursprünglich chinesische Weise zu geistigen Wanderungen an. Zu sehen sind 36 Tonschalen mit Zwergbaum und bizarrem Miniaturfelsen – detailverliebte, kleine Welten. Ob auch die Käufer dieser Blätter, die sammelfreudigen Herzöge zu Sachsen-Gotha, darin das „Land des Lächelns“ mit der Seele suchten? Jens Hinrichsen

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