Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Blauer Himmel,

flirrende Hitze

Jack Johnson ist ein unscheinbarer Mensch: raspelkurze Haare, Jeans, T-Shirt. Netter Junge. Würde nicht weiter auffallen in der ausverkauften Columbiahalle . Doch er steht oben mit seiner Akustikgitarre, während die unten ausrasten vor Begeisterung. In den USA ist sein drittes Album „In Between Dreams“ auf Platz 1, inzwischen ist er auch hier ein Star. Was macht ihn so erfolgreich? Vielleicht gerade das Unauffällige, die Zurückhaltung. Oder die hübschen Melodien seiner eingängigen Songs. Oder seine angenehme Stimme. Mit einem leicht schüchternen und doch entschlossenen Hauchen und Kräckeln. Und einem oft sehr schnellen, manchmal ruppig räppigen Phrasing.

Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach der einfachen Form. Im Zeitalter von Computer-Beats und Samples singt hier einer ganz ohne Schnickschnack, sparsam und unaufdringlich begleitet von Bass, Schlagzeug und Keyboards. Rührend, wenn fast das gesamte Auditorium feierlich mitsingt. „Why must I always be waiting, waiting on you?“ Und weil der 29-jährige JJ aus Hawaii stammt, und weil er eigentlich Surfer ist, haben seine Folk-PopSongs etwas Luftiges, Sonniges, und sehr Entspanntes. Leichte Latinrockjazz-Anklänge. Funkiger Reggae. Harry Belafonte light. Nach über zwei Dutzend Songs in 90 Minuten ist man erschöpft – wie nach einem Tag am Strand.

JAZZ

Warmer Ton,

große Reise

„Amerikanische Jazzer swingen zu viel, europäische denken zu viel", meckerte Keith Jarrett kürzlich in einem Interview. Wenn man die Erklärungen von Jonas Schoen zu seiner neuen Platte „Five and Fortunes“ liest, grübelt man, ob Jarrett nicht Recht hat: „Fünf Stücke und eine vierteilige Suite, die auf Intervall-Pattern und Taktarten der Zahlenreihe 5–4 basieren“, schreibt der Hamburger Saxofonist mit Wohnsitz in Berlin.

Wenn das mal keine verkopfte Sache wird, denkt man auf dem Weg zur CD-Präsentation im Schlot . Und sieht dann die vier Hamburger Männer zwischen 30 und 40 auf die Bühne schleichen. Keine coole Arroganz, kein selbstsicherer Slang. Stattdessen: freundliche Worte, fortgeschrittener Haarausfall. Doch dann bricht die Musik herein, groovende Basslinie, knatternde Snare Drum, schwebende Klavierakkorde. Schließlich das Altsaxofon Jonas Schoens: ein Ton, laut, dick, warm, ohne Vibrato, noch einer und noch einer. Die Art von Ton, die große Jazzbläser vom fleißigen Durchschnitt unterscheidet. Richtig kraftvoll wirkt das freilich erst, weil Drummer Heinz Lichius, Bassist Phillip Steen und Pianist Buggy Braune swingen wie, na ja, Amerikaner. Und die Zahlenspiele? Verschwunden in Schoens ausgreifenden Kompositionen, die die Band mit einem Roundtrip-Ticket vom Elegischen ins Aggressive reisen lassen. Johannes Völz

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