Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Schmerzensrufe,

Düsternis

Einchecken wie am Flughafen, Sicherheitsstufe irgendwas, dreifache Ticketkontrolle in der Philharmonie : Da konnte man nur hoffen, dass das sehr gemischte, sehr musikferne internationale Publikum des Abends nicht dachte, in der Klassik gehe es immer so aufreibend zu. Aufreibend und zwangsläufig wenig sinnlich erquicklich gestaltete sich – nach einschlägigen Reden von Klaus Wowereit, „liebe Lea“, und Lea Rosh, „lieber Klaus“ – auch das Programm des Konzerts zur Eröffnung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas . Gewiss, bei einem derart hoch politischen und geschichtsträchtig beladenen Anlass werden nicht gerade Lehár, Rossini oder Wagner ganz oben auf der Agenda stehen. Aber hätte man sich neben aller aktiven Trauerarbeit nicht auch ein ganz klein wenig daran freuen können, dürfen, ja müssen, dass es das Mahnmal jetzt endlich wirklich gibt?

Die Junge Deutsche Philharmonie und der Rundfunkchor Berlin unter Lothar Zagrosek jedenfalls nehmen ihre Sache sehr beim Wort, und auch die Solisten – die Cellistin Tanja Tetzlaff, Sprecher Udo Samel, der Pianist Olli Mustonen und die Mezzosopranistin Cornelia Kallisch – tragen bitterernste Mienen. Eingerahmt von Brahms (Tragische Ouvertüre) und Schönberg (Psalm „O du mein Gott“) ziehen Ernst Tochs Cello-Konzert, Schönbergs „Überlebender aus Warschau“ und Wolfgang Rihms eigens für diesen Abend komponierte „Memoria. Drei Requiem- Bruchstücke“ vorüber, ohne dass die Stimmungslage im Saal wesentlich chnagiert: Betroffenheit, Schmerzensrufe, Düsternis, wohin das Ohr reicht. Einzig Erwin Schulhoffs frech-schrilles Klavierkonzert von 1923 erinnert daran, dass es im Leben wie in der Kunst doch auch Unzerstörbares gibt und so etwas wie Vitalität.

POP

Marxismus

mit der E-Gitarre

Leute, die länger durchhalten, muss man

gelegentlich neu vorstellen: Seit 39 Jahren personifiziert der Sänger, Texter und Gitarrist Mayo Thompson die wohl langlebigste Undergroundband aller Zeiten: The Red Krayola ist ein Bandprojekt, das über die Grenzen der Popmusik hinausgeht und auch im Zusammenhang mit Bildender Kunst und Kapitalismuskritik funktioniert. Die Spur des Texaners führt von Houston über New York, London, Düsseldorf, Chicago bis Los Angeles: psychedelischer Feedback-Lärm, sozialistischer Dadaismus, New-Wave-Realismus. Mitglied von Pere Ubu, Produzent von The Fall und Cabaret Voltaire. Zusammenschluss mit der Konzeptkünstlergruppe Art & Language und dem Maler Albert Oehlen. Reinkarnation in den Neunzigern mit Unterstützung von Genies aus der Postrockgeneration, für die es eine Ehre ist, dem Alt-Meister unter die Saiten zu greifen.

Beim Auftritt im Bastard wird die Kultfigur allen Erwartungen gerecht: Ja, er kann noch laut und fröhlich bolzen. Wir hören einen Querschnitt aus fast 40 Jahren Bandgeschichte: „Hurricane Fighter Plane“, „Yik Yak“, „Black Snakes“, „War Sucks“. Pop gewordene Sprachphilosophie und marxistische Überlegungen, unter denen die Musik sich krümmt. Angetrieben durch George Hurley an der Trommelkiste, untermalt von Tom Watsons Stromgitarre. Die beiden Musiker aus dem Umfeld des SST-Labels schaffen eine sprühende Kulisse zur Präsenz von Thompson, der mit schwankender Stimme durch skurrile Bilder wankt: hysterisch, überschnappend, dann wieder ruhig, selbstbewusst. Bis ihm bei den Zugaben eine Gitarrensaite reißt – da schnippst er sein Plektrum ins Publikum, schmeißt die Fender in den Bühnenstaub und genießt den Triumph. Volker Lüke

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