Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR

Alles so schön

bunt hier

„Tuschkastensiedlung“ wird die 1913/16 errichtete Gartenstadt Falkenberg genannt, so leuchtend bunt sind ihre Häuser. Derart farbige Fassaden bildeten in der Architektur ein Novum – und sie wurden zu einem Leitmotiv im Werk des Architekten und Visionärs Bruno Taut (1880-1938) der mit seinen zahlreichen Siedlungen das Berliner Stadtbild prägte. Eine Ausstellung des Deutschen Werkbunds ehrt ihn jetzt aus Anlass seines 125. Geburtstags ( Architekturforum der TU , Straße des 17. Juni 152, bis 28. Mai, Di-Fr 14-20, Sa 14-18 Uhr, Begleitbuch 19,90 €). Nach Werkgruppen gegliedert stellt Kurator Winfried Brenne die Berliner Arbeiten Tauts vor, darunter die legendäre Hufeisensiedlung in Britz, die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg und die Zehlendorfer Siedlung Onkel Toms Hütte aus den Zwanzigerjahren. Einige Taut-Siedlungen haben sogar Aufnahme in den derzeitigen Antrag gefunden, in das Weltkulturerbe aufgenommen zu werden.

Gemeinsam mit Helge Pitz zählte Brenne zu den Ersten, die in den Siebzigerjahren den Wert der Bauten Tauts neu entdeckten. Die Restaurierung der Siedlung Onkel Toms Hütte durch Pitz und Brenne gilt bis heute als Meilenstein der Berliner Denkmalpflege. Wer sich angeregt durch die schöne Ausstellung auf die Berliner Spuren von Bruno Taut begeben will, der findet in dem von Brenne verfassten Führer einen übersichtlich gegliederten Begleiter.

KUNST

Die Stubenfliege

auf dem Likörglasrand

„Er zeichnete wo er ging und stand mit geradezu krankhaftem Eifer“, urteilte der Maler Paul Meyerheim 1906 leicht befremdet über seinen im Jahr zuvor verstorbenen Freund Adolph von Menzel . Das Berliner Kupferstichkabinett besitzt 77 Skizzenbücher Menzels mit insgesamt rund 4000 Blatt, die der obsessive Zeichner oft mit mehreren Darstellungen neben- und übereinander bedeckt hat. Von der Fliege auf dem Likörglasrand bis zu nächtlichen Traumgesichten hielt er darin nicht nur fest, was ihn spontan berührte. In den frühen Skizzenbüchern finden sich auch Faltenwürfe oder Figuren in komplizierten Bewegungsabläufen, die sich Menzel, der nur kurz an der Berliner Akademie studiert hatte, selbst als „Hausaufgabe“ stellte. Noch die mit dicken Bleistiftstrichen verworfenen Versuche zeugen vom Ehrgeiz.

Der Kunsthistoriker Jörg Probst hat Menzels Skizzenschatz nun erstmals vollständig ausgewertet (Jörg Probst: Adolph von Menzel. Die Skizzenbücher . Gebr. Mann Verlag, Berlin 2005, 34,50 €). Probst sieht in Menzel nicht den Vorläufer der Impressionisten, zu dem man ihn aufgrund von Bildern wie dem „Balkonzimmer“ erklärt hat, sondern einen Künstler-Gelehrten in der Tradition Leonardos. Menzels Zeichenkunst bediente sich neuester fotografischer Sichtweisen und Anleihen aus Ingenieurszeichnungen, um unter der unschuldigen Oberfläche der Dinge kühles Wissen zu schürfen. Michael Zajonz

KLASSIK

Beethoven

auf Naturdarm

„Du bist der Kleine vom letzten Pult?“ Es ist ein bedeutender Maestro, der den 13-jährigen Siegfried Palm so anredet. Hans Knappertsbusch hat gerade Beethovens Fünfte dirigiert. Und dabei ist dem Jungcellisten der peinliche Lapsus unterlaufen, die Generalpause des Schlusses mit einem C-Dur-Akkord zu füllen, ganz allein, weil er sich verzählt hat. Kriegsbedingt sitzt der Junge anstelle eingezogener Musiker im Städtischen Orchester. Nie eine Hochschule besucht. Als Schüler eines strengen Vaters kann er bald „sehr schnell, sehr laut und sehr sauber spielen“, bis Enrico Mainardi ihm den Kopf wäscht und sein Meister wird. Verehrung des Italieners spricht aus den lebendigen Erinnerungen, die Michael Schmidt in ein Gesprächsporträt gefasst hat: „ Capriccio für Siegfried Palm “ (ConBrio Verlag, 200 Seiten, 14,80 Euro) .

Eine Ausnahmekarriere: Mit 16 Orchestermitglied, bald Solocellist, Anwalt neuer Musik, der spannende Analysen gibt – Zimmermann, Penderecki, Kagel, Ligeti, Xenakis, hier mit Hinweis auf die ungewöhnliche Anweisung : „Die C-Saite muss aus Darm sein.“ Als Pädagoge hat Palm Macht und hervorragende Schüler, an erster Stelle Georg Faust, den Solocellisten der Berliner Philharmoniker. Über Cellospiel ist aus den Zeilen vieles zu lernen, während manche Namen Insiderkost bleiben. Doch es ist ein farbiges Buch zum Festlesen, Porträt eines großen Musikers, dessen gute Laune ansteckend wirkt. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben