Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

OPER

Armer

Pinsel

Das Maler-Ohr bleibt dran. Es fließt kein Blut in Grigori Frids Mono-Oper Briefe des van Gogh im Saalbau Neukölln . Statt- dessen gibt Regisseur Holger Müller- Brandes seinem Publikum mächtig viel zu lesen: Theoretische Texte zum sozialistischen Realismus flimmern über die Gazevorhänge, auf einem Laufband schwirren Brieftexte des Malers vorüber. Ach ja, Musik wird auch gemacht, und gar nicht schlecht. Die verschiedenen Bedeutungsschichten überlagern sich jedoch so wichtigtuerisch, dass die Komposition eindeutig den Kürzeren zieht. Da kann sich Brynmor Jones mit dem Orchester der Berliner Kammeroper noch so abmühen – die einfallsreiche und atmosphärische dichte Musik Frids wird zum Soundtrack der Videoprojektionen. Rockkonzert in Montreal, Geld als Ersatz für emotionale Sicherheit und zukunftsfrohe Sowjetmenschen, alles fließt zu einem schwer verdaulichen Brei zusammen. Dazu schreiten Statisten. Im Hintergrund pinselt Juan David Luna expressiv in Schwarz, während vorne der Bariton Tilman Birschel singt. Wenn van Gogh schreibt, es gehe ihm gar nicht gut, der Doktor meine, er solle mehr essen, ahnt das Publikum bereits: Der Arme machts nicht mehr lange. Und dann ist die gute Stunde auch schon rum, ohne das deutlich würde, was die Beteiligten uns damit sagen wollten.

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KLASSIK

Yefim und

seine Freunde

Wenn Yefim Bronfman Klavier spielt, tut er das auch mit den Augen. Sie machen sich von den Fingern unabhängig, blicken streng und dunkel drein wie die eines Zuchtmeisters, dann wieder zärtlich und verspielt, anerkennend oder zweifelnd. Der „Pianist in Residence“ der Berliner Philharmoniker scheint beim Spielen einen Dialog mit dem Komponisten zu führen, ihn nach seinen Motiven zu befragen, den Notentext zu kommentieren. Sein Fingerspiel ist allerdings nicht vom Hauch eines Zweifels getrübt. Damit wird er zur festen Bank, zum Bezugspunkt für die Philharmoniker, die im Kammermusiksaal Werke für Klavier und Blasinstrumente vorstellen. Prokofjews Flöten-Sonate wirkt unglaublich surreal in ihrer pastoralen Zufriedenheit. Nur in Spurenelementen spiegelt sie den Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion. Emmanuel Pahud spielt innig, fast verliebt, doch kann er der Flöte auch ungewohnte Aggressivität abverlangen. Bei Francis Poulencs Trio für Fagott (Daniele Damiano), Oboe (Albrecht Mayer) und Klavier geraten die Instrumente dann ins vertraute Zwiegespräch, tauschen Themen aus, streiten, versöhnen sich wieder. Zu Beethovens Quintett Es-Dur op.16 kommt Radek Baborak hinzu und führt mit verführerischem Spiel die Erotik des Horns vor, während Bronfman das Andante Cantabile mit unendlicher Feinheit und schwebendem Vergehen spielt, bevor er verschmitzt das finale Tremolo setzt. Udo Badelt

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FILM

Dieser und

Jena

„Das liebe närrische Nest“ nannten Heimatfreunde die Stadt „an der Saale hellem Strande“, bevor dort die Schornsteine von Zeiss, Schott und Jenapharm für Smog sorgten. Ein Elysium meinten romantische Jenaer in den weitläufigen Grünanlagen vor den Toren der Stadt vorzufinden und nannten es verklärend ihr „Paradies“. Heute halten hier die ICE-Züge nach München und ist Jena kein verträumtes Nest mehr, sondern ein industrieller „Leuchtturm“ in Thüringen. Gemütlichkeit sucht dort mancher noch immer. In einem alten, von großen Bäumen und kleinen Werkstätten umgebenen Mietshaus hat sich die allein erziehende Jeanette mit ihrem Sohn Louis eingerichtet. Jeanette pflegt den Sportplatz, Louis hat gerade Sommerferien. Da verliebt sich die junge Frau in den verheirateten Nachbarn. Der Mutter, die ungebeten nach dem Rechten sieht, kann Jeanette nichts vormachen und auf Dauer auch nicht dem Sohn. Ihr Leben ist ein Luftschloss auf zerrinnendem Sand.

Der Betrachter weiß nicht recht, wie er die Fakten von Jena Paradies zu einer Geschichte zusammensetzen soll. Der dffb-Absolvent Marco Mittelstaedt weiß es auch nicht. Einmal steigen Jeanette und ihr Freund auf einen Berg und sehen verliebt auf die Stadt herunter. Ins Weite geht der Blick nicht, aber über die konkreten Konflikte hinweg. Mit Stefanie Stappenbeck hat Mittelstaedt die Hauptrolle gut besetzt. Ihre Ausstrahlung als gescheitertes Sonntagskind trägt den Film über die Bruchstellen hinweg. Luca de Micheli ist ein in seine Mutter vernarrter, fast immer lieber Junge, dem man ein paar Freunde gewünscht hätte. Aber ein Gesicht allein, auch das von Bruno F. Apitz als depressivem Platzwart, sagt zu wenig. Es fehlt der Autor, der aus flüchtigen Lebensspuren eine bewegende Geschichte formt (in Berlin im Nickelodeon, heute Abend, 20 Uhr, Vorstellung mit Gästen). Hans-Jörg Rother

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