Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

THEATERTREFFEN

Himmel

und Hölle

So weit man auch reist, man entkommt ihnen nicht. Im Gepäck reisen die Komplexe mit. So geht es auch Familie Neuwirth, Vater, Mutter, 18-jährige Tochter, die zur Erholung an die Algarve reist. Doch das Hotel Paraiso , von Bühnenbildnerin Anke Grot lustvoll mit Plastikstühlen, Fototapete und Perlengardine möbliert, mutiert zur Urlaubshölle.

Lutz Hübners Sozialgroteske, in der Inszenierung von Barbara Bürk aus Hannover beim Theatertreffen auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele zu Gast, war so etwas wie ein Hoffnungsfunken: die einzige kleine Produktion neben den Theatergiganten, dazu das einzige Gegenwartsstück, sieht man von Christoph Schlingensiefs „Kunst und Gemüse“ ab. Schön also wär’s gewesen, wenn hier auch ein anderes Theater seine Bühne gefunden hätte, ein jüngeres, wagemutigeres, spielerischeres. René Pollesch hat vor Jahren so einen Akzent im Theatertreffen gesetzt oder auch Armin Petras alias Fritz Kater. Lutz Hübner schafft es nicht.

Denn es sind nur die alten Bekannten: die Hausfrau auf Selbstverwirklichungstrip (lustvoll nervend: Martina Struppek), der frustrierte Ehemann (Wolf List), die pubertierende, mit 18 Jahren schon etwas zu alt angesetzte Tochter (Sonja Beißwenger). Dazu die in die Jahre gekommene Single-Frau (Susanne Jansen) und ein smarter Surfer (Christian Erdmann). Ein Ehekrieg à la Edward Albee oder Tennessee Williams entbrennt, und jede Wendung ist erwartbar. Am Ende liegt alles in Trümmern (nochmals am 14., 20. und 21. Mai).

* * *

KLASSIK

Konzertmeister,

übernehmen Sie!

Piotr Anderszewski ist ein cooler Melancholiker. Der 35-jährige Pianist spielt Mozart mit stillem, zugleich lässigem Schmerz, artikuliert voller Ausdruck, macht trotzdem keine Mätzchen, hat es fast eilig. Wehmütig staunend schaut er seinen Fingern zu, wie sie beinahe davonlaufen. Mit dem Mozart-Verständnis von Bernhard Haitink geht das beim Klavierkonzert C-Dur KV 467 nicht gut zusammen. Denn der Dirigent, Stammgast bei den Berliner Philharmonikern, bevorzugt wie schon bei der G-Dur Symphonie KV 318 das Feierlich-Festliche: gemächlich ausgespielte Phrasen, weiche Landung. Zwei Welten. Um Debussy („Nocturnes“ und „Iberia“) gibt es in der Philharmonie noch mehr Gezerre. Hier das hochflexible Orchester, immer auf dem Sprung, dort der Meister einer gleichsam gusseisernen Klangkultur. Nichts verschmilzt, kein Irrlichtern, keine trunken-schwülen Nächte, kein halluzinierter Süden. Die Stimmen der Rias-Kammerchoristinnen brechen unkontrolliert aus, nein, diese Sirenen verführen nicht. Stattdessen eine zwar manchmal schön dunstige Stimmung, die aber meist in hölzerner, ungelenker Bewegung erstirbt. Am Ende von „Iberia“ scheint Konzertmeister Guy Braunstein kurz davor, die Führung übernehmen zu wollen. Man wünschte es sich, an diesem zerfahrenen Abend (noch einmal heute, 20 Uhr). Christiane Peitz

FILM

Kampfmaschinen sind

auch nur Menschen

Seit früher Kindheit wird Findelkind Danny (Jet Li) vom Geldeintreiber Bart (Bob Hoskins) zum Kampfhund abgerichtet. Nimmt man ihm das Halsband ab, wird Danny zum Kampftier: Fäuste und Füße werfend, befreit er jeden Ort von aufrecht stehenden Menschen. Doch als sich der unschuldige Killer eines Tages in der Obhut eines blinden Klavierstimmers (Morgan Freeman) wiederfindet, gelingt es dem Alten, allmählich den Menschen im Tier hervorzulocken. Unleashed ,geschrieben und produziert von Luc Besson , ist kein Action-Film, der mit Haudrauf den Anschluss zum Mainstreamkino sucht, sondern ein karges Genrestück, aufbereitet in geschliffener Optik, untermalt mit der scheppernden Musik von Massive Attack.

Hongkongs Action-Star Jet Li verkneift sich die grazilen Posen traditioneller Martial-Arts-Kunst, wird eher zum Bestrafungsinstrument. Doch im Bemühen, Action und Drama zu einer traurigen Gewaltballade zu verknüpfen, gerät die Menschwerdung der Kampfmaschine allzu simpel. Am Ende bleibt Danny auf der Flucht vor seiner Vergangenheit nichts übrig, als deren gesamtes Personal eigenhändig zu verkloppen. „Matrix“-Veteran Yuen Wo Ping choreografiert das Finale bis zum klaustrophoben HochgeschwindkeitsShowdown im 4-Quadratmeter-Klo. Die eigentliche Attraktion des Films: der grimmige Bob Hoskins als Cockney bellender Gangster aus Glasgows schmutzigem Untergrund (in 18 Berliner Kinos, OV Cinestar Sony-Center). Sebastian Handke

* * *

POP

Schotter und

Rebellion

Wanda Jackson war eine der ganz großen weiblichen Rock’n’Roller der Fünfzigerjahre. Zu einer Zeit, als junge Sängerinnen noch niedlich zu sein hatten, kam Wanda mit dieser unglaublich krähenden Schluckauf-Stimme, voller Schotter, Sex und Rebellion. Jetzt steht sie hier, etwa 50 Jahre später, auf der kleinen Bühne des Frannz , im fransigen, pinkfarbenen Pullover, mit schwarzen Kraushaaren und goldenen Ohrringen. Ihre Begleitband Big Bad Shakin’ trifft sie zum ersten Mal. Den jungen Leihmusikern aus Berlin hatte man vorab eine Setliste mit den Tonarten aus den USA geschickt. Keine gemeinsamen Proben. Verständlich, dass manche Arrangements verwackeln, Tempi gelegentlich kleben.

Doch Wanda macht alles wieder wett. Lässt ihre Augen blitzen und die Stimmbänder kratzen. Die Hits von früher. Und ein paar neue Songs, die demnächst auf Platte erscheinen. Wanda betört mit einer Menge schöner Rock’n’Roll-Geschichten. Singt den etwas gruseligen deutschen Schlager „Santo Domingo“, damals ein Nummer-eins-Hit, heute nur noch mit einer Portion Ironie zu ertragen. Und sie bekennt, dass sie nach all den aufregenden Jahren Jesus gefunden habe, dem sie eine gospelige Version von Hank Williams’ „I Saw The Light“ widmet. Der Rest ist feiner Rock’n’Roll. Schöne Party! H.P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben