Kultur : KURZ & KRITISCH

Annette Jahn

EINSTEIN

Der

Alltagsmensch

Sie sind Hingucker, die beiden fünf Meter hohen grünen Tafeln, die den Eingang zur Staatsbibliothek Unter den Linden säumen. Und sie passen so gut dorthin, als würden die einprägsamen Sätze in großen weißen Lettern schon immer dort prangen. Genauso könnten sie auf eine Ausstellung im Inneren des Gebäudes verweisen. Doch nichts von beidem stimmt. Denn es handelt sich um eine eigenständige Installation im Rahmen des Einstein-Jahres. Die Sätze stammen aus Briefen des genialen Physikers, von denen sich rund 130 in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek befinden. Im monatlichen Wechsel (bis 9.Oktober) kann man en passant einen Eindruck der verschiedenen Facetten Einsteins gewinnen. Die Zitate zeigen neben dem Wissenschaftler den politischen Menschen, den Mahner und Kämpfer, den mit seiner Berühmtheit Hadernden, den Amerika-Reisenden, den Alltagsmenschen, den Freund und Kollegen.

Das auf diese Weise geweckte Interesse wird allerdings nicht mit einer Ausstellung der Originalbriefe befriedigt. Einziger Trost ist der Katalog „Seid herzlich gegrüßt. Euer Albert Einstein“ (18 €). Unter dem blauen Schutzumschlag, der an alte Schulkladden oder Physiker-Notizhefte erinnert, verbergen sich 184 bibliografisch gestaltete Seiten mit 25 Briefen in Original und Abschrift.

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KUNST

Die

Vereinnahmung

Der Schildchengucker: Auch die Berlinische Galerie kennt jenen Typ Kunstbetrachter, der aufmerksam die Informationen zu Künstler, Titel, Jahr studiert und die Kunst selbst bloß flüchtigen Blickes streift. Die Malerin Susanne Paesler komponiert manchmal ihren Namen in ihre Gemälde hinein. Eine Einstiegshilfe? Nein, eher ist die scheinbar gedruckte, jedoch handgemalte Signatur ein Markenzeichen, das allerdings kaum Orientierung gibt auf dem Weg in die Paeslerschen Bildräume: ein nur scheinbar übersichtliches Terrain, das doch den virtuellen Spaziergang lohnt (Alte Jakobstraße 124-128, bis 5. Juni, Katalog 18 €).

Die 1963 geborene Künstlerin malt mit Lack- oder Ölfarbe auf Aluplatten. Darauf wachsen dunkle Blumen aus einfachen geometrischen Formen. Die Malerin spielt mit dem Formenarsenal, das die gegenstandslose Moderne freilegte. Sie arbeitet mit geschwungenen Schablonenformen wie Marcel Duchamp, mit Jasper Johns’ Zielscheibenmustern, mit Jackson Pollocks rohen Pinselgesten. Ein Akt der Vereinnahmung, der gleichzeitig Distanz zu den Maler-Heroen markiert. Ansonsten flottieren bei ihr die Zeichen der Moderne frei – das Wilde und das Maßvolle, das Apollinische und das Dionysische. Die Malerin konstruiert, kalkuliert, entschleunigt – sogar da, wo sie Action Painting vorführt. Eine Entdeckung der malerischen Langsamkeit auch für den Betrachter. Schildchengucker bleiben außen vor. Jens Hinrichsen

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ARCHITEKTUR

Die

Küchenzeile

Geübte Hände zerlegen duftig zartes Fleisch, wenden knusprig brutzelnde Kartoffeln. Kochen ist Kunst. Kochen ist Leidenschaft. Doch Kochen ist auch Geschäft. Um seine Küchengeräte in europäische Restaurants und Wohnungen zu bringen, hat der amerikanische Küchenhersteller Viking deshalb eine Niederlassung in Straßburg gebaut. Architektonisch ausgestattet wurde sie vom Berliner Büro Heide, von Beckerath, Alberts Architekten ( suitcasearchitecture , Choriner Straße 54, bis 5. Juni). Derart globalisiert, kocht man bei Viking Europe an einem langen Tresen für Schulungen. Doch weil nicht alle Zuschauer Platz um diese Schauküche finden, wird das Geschehen gleich nebenan auf eine Videoleinwand übertragen. Mit zurückhaltender, gleichwohl prägnanter Eleganz haben die Berliner Architekten dieses Ambiente gestaltet und alle Details bis hin zum Sitzmöbel wie dem Barhocker selbst entworfen. Die Materialwahl knüpft mit dem wunderbar gemaserten amerikanischen Nussbaumfurnier dabei an die Herkunft von Viking an, zeigt aber zugleich die nötige funktionale Zurückhaltung.

Frisch sind aber nicht nur die Einbauten, sondern auch die verwendeten Produkte: Am Ende des langen Küchenschautresens haben die Architekten daher ein Aquarium platziert. Da darf der Fisch beim Kochen der Vorspeise für jenes Menü zuschauen, bei dem er wenig später selbst die Hauptrolle spielt. Jürgen Tietz

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