Kultur : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Reise durchs

deutsche Gemüt

Die Jenaer Romantiker wären noch fast vor Lachen vom Stuhl gefallen, als sie Schillers „Lied von der Glocke“ lasen. Und schmunzeln darf man auch bei Max Bruchs Vertonung, die zum häuslichen Abendfrieden ausgiebig das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ zitiert. Bei der Berliner Uraufführung 1879 war das Langgedicht schon längst die Lieblingslektüre eines selbstgefälligen deutschen Bürgertums.

Dieser hochgradige Ideologieträger traf auch als ausladende Orchesterkantate den Zeitgeist des Bismarckreichs. Zur Vertonung der vielen Sinnsprüche erbaute Bruch eine Klangarchitektur, gegen die selbst das Charlottenburger Rathaus filigran wirkt. Dirigent Claus Peter Flor modelliert den durchaus fein gearbeiteten Bauschmuck mit dem Berliner Sinfonie-Orchester in liebevollem Detailreichtum. Was schnell massiv und geschmacklos werden könnte, hält er im Zaum. Robert Künzli lässt sich bei aller heldentenoraler Emphase nie zu Gebrüll hinreißen, Ingeborg Danz fügt anrührende Ruhe hinzu, Camilla Nylund gibt anmutig die treusorgende Hausfrau und Detlef Roth imposant den Meister des Gusses. Die lauten Passagen entwickeln große Kraft, doch der von Sigurd Brauns bestens instruierte Ernst-Senff-Chor und die textverständlichen Solisten vermeiden geschickt Kitsch und Bombast.

Dabei trifft Claus Peter Flor immer wieder den zitathaften Gestus der Musik. Die Warnung vor revolutionären Umtrieben klingt nach Berliozschen Spaltklängen, während die Klage nach dem Brand mit Bratsche und Klarinette Webers Lieblingsinstrumente bemüht. Eine faszinierende Reise durch deutsche Ängste und Hoffnungen des 19. Jahrhunderts – schon jetzt einer der gelungensten Beiträge zum Schillerjahr. Uwe Friedrich

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